Essen & Shoppen

Foodsharing: Retten, essen & teilen

Jedes Jahr landen in Deutschland elf Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Die Gründe dafür sind vielfältig, ebenso wie die bisherigen Maßnahmen, die Lebensmittelverschwendung zu reduzieren. Es liegt in unserer Hand, den gewaltigen Berg von Lebensmittelabfällen zu senken. Dafür gibt es viele gute Gründe und man spart mit dieser Wohltat auch noch Geld – und zwar rund 235 Euro im Jahr pro Person, laut dem Bundeszentrum für Ernährung.

Seit 2012 bietet Foodsharing e.V. mit foodsharing.de eine Plattform, auf der sich Lebensmittelretter aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammenfinden, um Lebensmittel zu retten. Über 200.000 Nutzer, darunter 25.000 freiwillige Foodsaver engagieren sich täglich und holen Tausende Kilos von Obst, Gemüse, Brot und sonstigen Lebensmitteln ab, die kurz vor dem Wegwerfen stehen. Das Ergebnis: 15.293.431 Kilo Lebensmittel (Stand 06.06.2018) wurden seit der Gründung der Initiative gerettet.

Am aktivsten ist die Foodsharing-Community in Berlin, hier haben viele schon mal von Foodsharing gehört und machen mit. Das Wir von Hier Team begab sich auf die Suche nach Foodsavern aus der Nachbarschaft, um einen Blick hinter Kulissen zu werfen. Vier Foodsaver aus Berlin haben Wir von Hier über ihr Engagement erzählt und uns inspiriert, bei einer Abholung in Berlin-Wedding als Tragehilfe einzuspringen.

Von Essenskörben zu Abholungen

„Vor einem Jahr habe ich Kleinanzeigen durchstöbert und gesehen: Oh, es gibt ja ganz viele Backwaren abzuholen“, erzählt uns Dave. So lernte er die Foodsharing-Botschafterin aus Reinickendorf kennen, bei der er später noch häufiger Obst und Gemüse abholen würde. Die Vereinbarung lief eine Zeit lang, aber diesen Winter hieß es plötzlich: Das Abholen geht nicht mehr.

Dave

Zwei Wochen lagen zwischen Daves letzter Abholung und seiner Entscheidung, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Innerhalb einer Woche machte er alle Einführungsabholungen und das obligatorische Quiz (dazu später mehr) und ist seitdem regelmäßig bei Foodsharing dabei.

Auch Ludwig hat zunächst Essenskörbe aus der Nachbarschaft über Foodsharing abgeholt, bis eine Botschafterin aus dem Bezirk ihn fragte: Warum willst du dich nicht selber da anmelden? Warum nicht? Nun holt der Student Lebensmittel selbst ab und verteilt sie unter Nachbarn und Freunden. Mittlerweile versorgt Ludwig das halbe Haus. Die Organisation ist dabei ganz einfach: Lebensmittel abgeholt – WhatsApp-Nachricht an die Nachbarn schreiben – fertig.

Einer von Ludwigs Nachbarn kriegt von ihm zum Beispiel zwei Mal die Woche Lebensmittel geliefert. Gerade Menschen mit einem kleinen Budget für Lebensmittel kann diese Form der Unterstützung eine große Hilfe sein. Ab und zu stellt Ludwig auch Essenskörbe auf der Plattform ein, um die Abholung auch den Leuten abseits seiner Nachbarn zu ermöglichen. Meistens kommen die Menschen aus der unmittelbaren Umgebung vorbei; aber einmal, erinnert sich Ludwig, ist eine Frau durch ganzen Berlin gefahren, um 3 Paprikas abzuholen.

Ludwig

Foodsharing hat allerdings nicht nur finanzielle Vorteile, sondern macht auch Spaß. „Das ist wie an Weihnachten: Man weiß ja nie, was man bekommt“, fällt Ludwig dazu ein. „Und vor allem beim Kochen wird man richtig kreativ. Man hat 10 Auberginen und überlegt sich: Was mache ich mit ihnen?“, so Dave. Was man nicht verteilt hat, versucht man selbst zu verarbeiten. Auch wenn es natürlich nie zu 100 % möglich ist.

Obst, Brot und Gemüse bekommen die Foodsaver am meisten. Besonders nach großen Abholungen von Obst und Gemüse kommt es manchmal dazu, dass man ein paar Stündchen in der Küche verbringt. Ob Marmeladen, Tomaten-Pasten oder Paprika- und Chilipulver, das gerettete Obst und Gemüse wird in der Foodsaver-Küche so verarbeitet, dass es auch später aufgegessen werden kann.

Aber nicht nur Obst und Gemüse, sondern auch Kaffee oder Olivenöl sind ab und zu bei Abholungen dabei. So hat Ludwig einmal 50 Flaschen Bio-Olivenöl bekommen. Das Beste an Foodsharing: Man bekommt häufig das, was man selbst nicht unbedingt kaufen würde und ernährt sich dadurch sehr gesund und abwechslungsreich.

Helena hat zum ersten Mal über Foodsharing von einem Freund in Köln erfahren, aber wurde erst nach dem Umzug nach Berlin bei der Initiative aktiv. „Bei meiner ersten Abholung fand ich es wahnsinnig erschreckend, wie viele Lebensmittel tatsächlich weggeschmissen werden“, teilte uns die Studentin mit. Helena holt hauptsächlich Obst und Gemüse aus den Betrieben in ihrer Nähe und von einem Markt ab.

Helena

Das Netzwerk ist bei Foodsharing besonders wichtig. Die abgeholten Lebensmittel schafft man meistens nicht alleine aufzuessen und verteilt sie häufig an Familie, Freunde oder Nachbarn. Helena gibt das Abgeholte innerhalb ihrer WG und an die Nachbarn im Haus weiter, will aber zukünftig auch mit den Wohnungslosenstellen in der Nähe kooperieren.

Bei Foodsharing geht es nicht darum, Lebensmittel käuflich zu erwerben, sondern das zu retten, was ansonsten weggeschmissen wird. So konnte eine Nachbarin von Helena es kaum glauben, als Helena bei ihr klingelte und sie fragte, ob sie kostenlose Lebensmittel haben möchte.

Die Freude über das kostenlose Essen erlebte auch Clara, als sie zum ersten Mal von Foodsharing hörte. Sie ist bereits seit 2 Jahren dabei und denkt nicht daran aufzuhören. „Am Anfang ging es mir vor allem um meinen eigenen Kühlschrank, aber es wurde bald zu viel und ich liebe es, das Essen an Bedürftige weitergeben zu können“, erinnert sich Clara. Auf Claras-Rettungsliste stehen ebenfalls meist Gemüse, Obst und Backwaren. 2-3 Mal die Woche geht sie im Durchschnitt zu den Abholungen.

Foodsharer vs. Foodsaver  

Wer ist aber ein Foodsaver? Und welchen Unterschied gibt es zwischen einem Foodsaver und einem Foodsharer?

Auf der Plattform sind generell alle registrierten Nutzer ersteinmal „Foodsharer“. Ein „Foodsharer“ kann einsehen, welche Foodsaver ihre geretteten Lebensmittel wo verteilen, jedoch nicht, wo die Lebensmittel ursprünglich ausgegeben und abgeholt wurden. Der Unterschied liegt in der Verifizierung auf der Plattform – und diese erhält man erst, nachdem man erfolgreich ein Quiz absolviert und drei Einführungsabholungen mit erfahrenen Foodsavern abgeschlossen hat. Nachdem man damit fertig ist, gilt man auch offiziell als Foodsaver und erhält von nun an ebenso Informationen, wo Lebensmittel zur Abholung bereit gestellt werden und auf ihre Rettung warten.

„Das Quiz und die Einführungsabholungen klingen immer hart, sind aber eher als Chance zu sehen, Fragen zu stellen und die Foodsharing-Welt kennenzulernen“, erzählte uns Clara. Bei Foodsharing gibt es einige Regeln, unter anderem Hygienemaßnahmen, die von allen Aktivisten beachtet werden sollen, und diese lernt man am besten über das Foodsharing-Wiki und von anderen Foodsavern.

Foodsaver-Küche © Ludwig

Trotz der überwiegenden Online-Kommunikation bleibt Foodsharing vor allem sehr persönlich. Auf der Plattform musst du zwar keine genaue Wohnadresse angeben, der Botschafter muss jedoch wissen, wo du ungefähr wohnst, um die Foodsharing-Aktivitäten im Bezirk planen zu können.

Zur Teilnahme an offiziellen Abholungen tragen sich die Foodsaver vorher in festgelegte Slots mit Zeiten ein. Bei der Annahme des Termins ist man entsprechend verpflichtet, vor Ort zu erscheinen. Sagt man ab, sollte man das 48 Stunden vorher tun und für eine Vertretung sorgen.

Bei Abholungen zeigen Foodsaver immer ihre speziellen Ausweise vor. So sehen die Leute aus dem Betrieb gleich, dass du von Foodsharing kommst. Meistens wählt man Betriebe in seiner Nähe oder in der eigenen Nachbarschaft aus. Auf der Karte ist immer sichtbar, wo noch Hände gebraucht werden und wie hoch die Häufigkeit der Abholungen für jeden Betrieb ist.

Abholen, sortieren, verteilen

Wie verläuft aber eine Abholung? „Eine typische Abholung gibt es, glaube ich, nicht. Die Abholungen laufen je nachdem, ob man in einer kleinen Bäckerei oder auf einem Wochenmarkt abholt, sehr unterschiedlich ab“, erzählte uns Clara. Besonders stark unterscheiden sich die Abholungen im Supermarkt und am Markt.

In den Supermarkt geht man normalerweise zu zweit. Die Foodsaver treffen sich vorher an einer vereinbarten Stelle, man wartet, bis alle da sind. „Jeder Betrieb hat eigene Besonderheiten, die man vorher nachlesen sollte“, erzählt uns Dave. Beim Ankommen fragt man, ob es noch Lebensmittel gibt, die nicht mehr verkaufbar sind. In den meisten Betrieben wird schon etwas vorbereitet sein, andere suchen dann noch etwas raus. Im Nächsten Schritt sortieren die Foodsaver Lebensmittel aus, packen sie ein und gehen. Das läuft meistens ziemlich schnell ab. Rund 1 Minute hat eine Abholung in der Bäckerei gedauert, erinnert sich Helena.

Etwas anders verläuft eine Abholung auf dem Markt. Es sind häufig viele Foodsaver gleichzeitig da, die zu den Ständen mit Obst und Gemüse gehen. Das gerettete Essen, aber auch jenes, welches nicht mehr zu retten war, wird anschließend fair untereinander aufgeteilt. Auch um letzteres kümmern sich die Foodsaver und entsorgen es fachgerecht im eigenen Hausmüll.

Bei einer Abholung in Berlin-Wedding

Der spannendste Teil fängt allerdings erst danach an. „Du hast die Sachen in deiner Hand, in deiner Tasche, in deiner Tüte, wo auch immer. Sie sind da und du musst dir überlegen, wo möchte ich sie hintun. Was kann ich selbst gebrauchen, was kann ich meinen Nachbarn, meiner Mutter, meinen Freunden geben…“, so Dave.

Foodsharing basiert sehr stark auf Vertrauen. Im Prinzip bist du zu nichts verpflichtet und kannst sogar rein theoretisch das Abgeholte direkt in Müll schmeißen. Darum geht es aber bei Foodsharing nicht. Foodsharing ist Engagement. Aber ein sehr flexibles und offenes Engagement.

Die geretteten Lebensmittel sollen von Bedürftigen verbraucht werden, die Bedürftigkeit wird dabei allerdings nicht definiert. „Von Studierenden, über Arbeitslose bis hin zu Obdachlosen können alle bedürftig sein. Selbst wenn ein Millionär sich als bedürftig sieht, kann er sich gerne beteiligen und die Lebensmittel nutzen“, so Clara.

Neben der unmittelbaren Lebensmittelrettung gibt es bei Foodsharing weiterhin viele Möglichkeiten, sich in die Organisation und Koordination der Initiative einzubringen. So kann man sich als Betriebsverantwortlicher und/oder Botschaftender engagieren. Betriebsverantwortliche koordinieren die jeweiligen Foodsaver in Betrieben, halten Kontakt zu Inhabern und sorgen für reibungslose Abläufe bei Abholungen. Die Aufgabe von Botschaftern ist dagegen, alle Foodsaver im gesamten Bezirk oder in ganz Berlin zu verwalten. Sie begrüßen neue Foodsaver, machen Einführungsabholungen mit den Neulingen und können bei allen Fragen helfen.

Die Organisation von Foodsharing insgesamt ist etwas komplexer und kann sich je nach Standort unterscheiden. So steht Foodsharing Berlin ein bisschen für sich und hat nur eine indirekte Verbindung zum Verein in Köln.

Foodsaving beim Karneval der Kulturen – 35 Leute im Einsatz © Dave/Foodsharing Berlin

Darüber hinaus gibt es auch diverse Arbeitsgruppen, Bezirkstreffen und sonstige Events für Foodsaver. Und natürlich sind Lebensmittelretter auch mal selbst auf großen Events unterwegs, zum Beispiel auf dem Karneval der Kulturen, dem Festival splash! oder dem Melt, um auch dort Lebensmittel zu retten.

Warum mitmachen?

Foodsharing macht man aus Leidenschaft, aber auch als Hobby. So sagt Dave dazu: „Andere zocken, manche gehen ins Fitnessstudio. Und man kann ja auch sagen, ich mache Foodsharing, ich setze mich mit Lebensmitteln auseinander, ich mache was Tolles, ich lerne auch noch Leute nebenbei kennen. Von mir aus kann ich auch Sport machen, indem ich eine Tasche schleppe“.

Und sollte das für euch nicht überzeugend genug klingen, haben uns Dave, Helena und Clara noch insgesamt 9 unterschiedliche Gründe für das Engagement im Foodsaving zusammengestellt.

Dave:

1. Man hat immer dann was Leckeres zu essen, wenn man am wenigsten damit rechnet.

2. Man kann andere Leute daran beteiligen und ihnen Freude machen, indem man ihnen etwas Leckeres zu essen gibt.

3. Man hat nie ein schlechtes Gewissen, weil man ja was Gutes getan hat. Für andere und die gesamte Gesellschaft.

Helena:

1. Das Bewusstsein, wie viele Lebensmittel weggeschmissen werden.

2. Das Bewusstsein, was Lebensmittel überhaupt sind.

3. Das Netzwerk und die flexible Art, sich zu engagieren.

Clara:

1. Es macht Spaß!

2. Man lernt viele nette Menschen kennen und findet sich in einer super Community wieder, die sich alle für das Retten von Lebensmitteln und den Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung begeistern können.

3. Ein voller Kühlschrank – kostenlos.

Wie mache ich mit?

Auch wenn es in deiner Umgebung keine aktive Foodsharing-Community gibt, ist das kein Grund, nicht mitzumachen. Denn du kannst auch selbst den Anfang machen! In den naheliegenden Städten, wo es Foodsaver gibt, findet sich fast immer jemand, der dir helfen kann. Am besten wendest du dich an einen Botschaftenden aus der Umgebung und fragst nach Tipps für Foodsharing in deiner Nachbarschaft. Denn irgendwo muss man ja anfangen. 😉

Eine gute Option ist auch, zum Beispiel bei einer größeren Abholung am Markt als Tragehilfe vorbeizuschauen. Zwar darf man dabei die Lebensmittel nicht selbst abholen, kann aber beim Aussortieren helfen, an der Fair-Teilung des geretteten Essens teilnehmen und dabei wertvolle Einblicke in die Community gewinnen.

Leckere Tomaten-Pasta!

Bei Foodsharing engagieren sich viele Studierende, aber auch Berufstätige. Die Online-Kommunikation mag für einige Leute am Anfang eine Hürde darstellen, man gewöhnt sich aber schnell daran und die Foodsharing-Bewegung wird eben durch die fortschreitenden Digitalisierung von Jahr zu Jahr immer größer. Insbesondere in der eigenen Nachbarschaft ist Foodsharing attraktiv – denn schwere Taschen durch die ganze Stadt zu schleppen macht den meisten Menschen nicht ganz soviel Spaß. 😉

Es ist erschreckend und unglaublich, wie viel gutes Essen jeden Tag weggeschmissen wird. Umso größer ist auch die Freude, selbst einen, auch wenn nur kleinen, Beitrag zu leisten, und die Mengen an Lebensmittelabfällen zu reduzieren.


Weitere Links & Infos:

Finde viele wertvolle Tipps, wie du Lebensmittel richtig lagerst, Rezepte für die „besten Reste“ und Hinweise auf Mitmach-Aktionen auf der Website der Initiative des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft „Zu gut für die Tonne“: zugutfuerdietonne.de

Oder informiere dich über ein anderes spannendes Lebensmittelrettung-Projekt „Too Good To Go“: toogoodtogo.de Mit der App kannst du nach überproduzierten Lebensmitteln und Speisen von Restaurants, Bäckereien und Supermärkten suchen und sie zu einem reduzierten Preis kaufen.


Auch auf Wir von Hier kannst du Lebensmittel an deine Nachbarn verteilen oder ein Netzwerk aufbauen, an welches du gerettetes Obst & Gemüse weitergibst. Wie wäre es zum Beispiel mit einer Foodsharing-Gruppe für dein Haus?

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