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Frei nach Schnauze: Assistenzhund für Nike

Assistenzhund: Spendenaufruf Nike

Als wir Bettie an einem Infostand zu ihrem Spendenaufruf getroffen haben, war es kurz vor Weihnachten. Bettie sammelte Spenden für die Ausbildung eines Assistenzhundes für ihre Tochter Nike und verteilte Kekse. Der Aufruf „Frei nach Schnauze“ läuft schon seit Anfang Dezember und hat ein großes Ziel: 28.000 € für die Ausbildung des Collies Felix zu sammeln. Was ist der Hintergrund der Aktion und wie kann ein Assistenzhund dem Mädchen mit Down-Syndrom helfen? Das hat das Wir von Hier Team aus dem Gespräch mit unserer Nachbarin Bettie erfahren.

Assistenzhund als Hilfe für Nike 

Nike ist 12 Jahre alt und geht in die sechste Klasse einer sogenannten inklusiven Schule, wo Kinder mit Förderbedarf gemeinsam mit anderen Kindern lernen. Mit der steigenden Eigenverantwortung fällt es ihr allerdings schwerer, Dinge im Alltag zu bewältigen. „Es geht darum, dass sie auch zunehmend Selbständigkeit gewinnen kann“, so Bettie. „Für mich war es halt ganz wichtig, dass sie irgendwann schafft, Wege alleine zu machen. Das sehe ich gerade noch nicht, aber ich möchte sie gerne loslassen“.

Schon seit langem ist es Bettie aufgefallen, wie Nike von Tieren fasziniert ist und auch wie sanft sie im Umgang mit ihnen ist. Als sie 2 Jahre alt war, hat Nike bereits therapeutisches Reiten gemacht. Sie konnte noch kaum so richtig auf dem Pferd sitzen, hatte aber schon ein unglaubliches Urvertrauen zum Tier.

Die Idee, dass ein Hund Nike in ihrem Alltag helfen kann, hatte Bettie schon seit einiger Zeit im Kopf. Vor 3-4 Jahren traf sie beim Abendessen in einer Tapas-Bar eine Familie mit einem Assistenzhund. Aus dem Gespräch erfuhr Bettie, wie glücklich die Familie war, sich für den Hund entschieden zu haben. Diese Erinnerung kam letztes Jahr bei ihr wieder hoch und so hat sie sich umgeschaut und ist auf den Verein Rehahunde Deutschland e.V. gestoßen.

Bettie an einem Infostand zum Spendenaufruf © Frei nach Schnauze

Der Verein Rehahunde Deutschland e.V. befindet sich in Mecklenburg-Vorpommern, in erreichbarer Nähe von Berlin. „Ich hatte ein ganz gutes Gefühl, als ich mich so eingelesen habe“, teilte uns Bettie mit. Der Verein hilft bei der Suche nach einem passenden Rehahund und bildet diesen dann mit der Unterstützung einer Trainingsfamilie aus.

„Da der Verein gemeinnützig  ist, darf er die Hunde nicht einfach verkaufen, dementsprechend werden die Hunde vorwiegend über Spenden finanziert und die zukünftigen Hundehalter geben einen Mindestbetrag beziehungsweise stocken auf, soweit sie das können. Dadurch müssen die Hunde manchmal auch noch abbezahlt werden, nachdem die Hunde zu der Bezugsperson gekommen sind. Auch späte Spenden sind daher hilfreich“, erzählte Bettie.

Die Versicherung übernimmt keine Kosten für die Ausbildung des Rehahundes, aus diesem Grund läuft die Finanzierung meist über einen Spendenaufruf. „Ich muss eben dafür Sorge tragen, dass ich Leute akquiriere, die mir helfen, dieses Anliegen öffentlich zu machen, zu verbreiten, um Unterstützer zu finden“, so Bettie.

Felix & Nike

Durch den Verein fand die Familie Felix, einen kleinen Collie, der sehr ruhig und vom Wesen sehr sanft ist. „Ich bin mit dem Verein irgendwann im Sommer in Kontakt getreten, habe mit ihnen telefoniert, um genauere Informationen zu kriegen, und später im Herbst sind wir dann hingefahren. Wir haben einander erstmal persönlich kennengelernt, uns ein paar Hunde angesehen“, erzählt Bettie über den Suchprozess.

Die Mitarbeiter*innen des Vereins haben langjährige Erfahrung und wissen Bescheid, welcher Hund dem Kind am besten helfen kann. Bettie und Nike haben verschiedene Hunde gesehen, aber als Erster wurde Felix reingeholt. Da war es sofort klar – das ist der Hund für Nike. „Sie war direkt im siebten Himmel“, erinnert sich Bettie.

Nike und Felix © Frei nach Schnauze

Der Assistenzhund soll Nike vor allem helfen, zunehmende Orientierungslosigkeit und Isolation zu überwinden. Nike ist häufig von zu vielen Einflüssen überfordert und wird dann nervös und angespannt. Ein ruhiger Hund wie Felix kann da sehr gut helfen. Dagegen würde zum Beispiel ein Hund wie etwa ein Labrador Nike überfordern und eher im Gegenteil Spannung aufbauen. Felix gibt ihr dagegen Ruhe und Sanftheit, spielt trotzdem gern, aber in dem Maße, das die 12-Jährige auch einschätzen kann.

Ausbildung eines Assistenzhundes

Anderthalb Jahre alt ist Felix jetzt, zwischen 2 und 3 Jahren läuft seine Ausbildung bei der Trainingsfamilie. In die Familie kommt der Hund, wenn er nur ein paar Monate alt ist. Dort lernt er schon solche Sachen wie kleine Kinder, Lärm und viele Leute tolerieren. Die wichtigste Aufgabe, die Felix übernehmen soll, ist jedoch die Straßensicherheit, insbesondere die seelische Sicherheit für Nike an Straßenübergängen. Genau auf solche Fähigkeiten bereitet die Trainingsfamilie den Hund vor.

„Das ist ein langer Weg, bis ein Hund sowas kann. Ein Familienhund lernt das im Laufe seines Daseins und nicht in so einer kurzen Zeit“, erzählt uns Bettie. Auch kann ein Familienhund nie lernen, eine Bezugsperson sicherer im Straßenverkehr zu machen, das kann nur ein Assistenzhund.

Inzwischen fährt sie Nike hin und wieder zu Felix, 6 Stunden mit dem Auto – so lang ist der Weg. Das schafft man leider nicht jedes Wochenende, die 2,5 Stunden des Besuches sind der Reise aber wert.

Selbstwertgefühl und Verantwortung

Mit Felix soll Nike aber vor allem selbst Neues lernen: Verantwortung zu übernehmen, zu verstehen, was der Hund braucht und wie man sich um ihn kümmern muss. „Natürlich ist der Hund ausgebildet, explizit auf sie zu achten, aber letztlich ist es ein Tier“, so Bettie. „Sie muss schon dafür Sorge tragen, dass er von Außenstehenden nicht so sehr bedrängt wird, sondern gerade seiner Aufgabe gerecht wird, mit ihr diesen Weg zu machen. Das gibt ihr wiederum noch mehr Selbstwertgefühl, Selbständigkeit und Selbstvertrauen“.

Durch die emotionale Unterstützung gibt Felix Nike mehr Sicherheit und Kraft, Nähe und Wärme. Der Hund soll die 6.-Klässlerin auf dem Weg zur Schule oder auch zur Freundin begleiten, so fühlt sie sich nicht alleine. „Wenn sie mit dem Hund unterwegs ist, kann er sie beruhigen“, davon ist Bettie überzeugt. Sollte sich Nike verlaufen, wird sie nicht völlig aufgelöst da stehen, sondern wird es schaffen, ihre Mutter anzurufen und so durch die Aufmunterungen und die beruhigende Nähe des Hundes zu sich zu kommen und nach dem Weg zu fragen.

„Ich kann was alleine!“

Im ersten Schritt müssen aber Felix und Nike unterschiedliche Wege gut lernen. In der U-Bahn kann dann Felix dafür sorgen, dass das Mädchen nicht einschläft, wenn ihre Station kommt. Ob der Hund auch in die Schule mitkommen darf, bleibt allerdings erstmal unklar. Je nachdem, ob jemand aus der Klasse gegen Hunde allergisch ist oder nicht, kann es schwierig werden. Allerdings könnte Felix sie dann trotzdem bei Ausflügen und auf dem Weg zur Schule begleiten.

Aber wahrscheinlich ist das Wichtigste, worum es bei dem Assistenzhund für Nike geht: Dem Mädchen ein Selbstwertgefühl zu geben. „Ich kann was alleine“. „Für einen Teenager ist das schon eine wichtige Geschichte“, so Bettie. Darüber hinaus kann Nike durch den Hund in Kommunikation mit anderen Kindern kommen, so wäre Felix eine tolle erste Brücke. Auch mal die Chefin sein und das Sagen haben, was bei der Kommunikation mit dem Hund sehr wichtig ist. Diese ganzen Aspekte gehören zur Selbständigkeit, die Felix für Nike garantieren kann.

Zur Geschichte der Assistenzhunde

Die Ausbildung der Hilfshunde hat eine lange Tradition, bereits in der Antike waren die ersten Hilfshunde bekannt. Die organisierte Ausbildung startete aber erst im 19. Jahrhundert. 1890 gründete Jean Bungartz, deutscher Tiermaler, Züchter und Dresseur, den Deutschen Verein für Sanitätshunde. Die Hunde hatten zur Aufgabe, verwundete Soldaten im Gelände aufzufinden und Menschen zu helfen. Im ersten Weltkrieg folgte die Gründung der ersten Blindenführhundeschule in Oldenburg, als Fürsorge für erblindete Soldaten. Der Erfolg der Blindenschule in Deutschland brachte die Gründung von weiteren Schulen in den USA, Großbritannien und anderen Ländern mit sich.

Heute werden die Blindenführhunde von deutschen Krankenkassen bezahlt, ab 1981 kann man solchen Hund auf Rezept bekommen. Die Rehabilitationshunde wurden aber leider bis jetzt noch nicht in den Hilfsmittelkatalog der Krankenkassen aufgenommen. Auch vom Gesetzgeber hat ein Rehahund keinerlei Rechte und befindet sich in einer rechtlichen Grauzone. So hat ein Rehahund keinen Anspruch auf Zutritt in Geschäfte, Institutionen und kulturelle Einrichtungen.

Der Assistenzhund Felix © Frei nach Schnauze

Der Rehahunde Deutschland e.V. wurde 2006 von Astrid Ledwina ins Leben gerufen und setzt sich dafür ein, dass jeder Rehabilitationshund als Medizinisches Hilfsmittel anerkannt wird und so auch von den Krankenkassen bezahlt wird. Der Schwerpunkt des Vereins liegt in der Rehahunde-Ausbildung für Kinder, diese Form der Ausbildung wurde von Astrid Ledwina erstmalig 1998 durchgeführt. Trotz Skepsis und Misstrauen wurde das Projekt zum echten Erfolg und kann viele Lebensgeschichten von Hund/Kind-Teams erzählen.

Hilfe dringend gesucht

Die Uhr tickt langsam und ab der 7. Klasse kann sich die Familie die Betreuung für Nike in solchem Umfang wie jetzt nicht mehr leisten. So ist der Plan, bis zum Sommer genug Geld für den Hund zu sammeln. 28.000 € kostet die Ausbildung von Felix. In erster Linie  will die Familie die benötigte Summe durch die Öffentlichkeit sammeln. So wurde bereits im Dezember ein Artikel im Berliner Kurier über den Spendenaufruf veröffentlicht.

Für die Zukunft plant Bettie, weiterhin kleine Aktionen auf Straßenfesten zu machen sowie Freizeiteinrichtungen für Kinder anzusprechen, DIY Give-Aways zu basteln oder eben ein Video zum Spendenaufruf zu machen. Über Facebook teilt sie Bilder von Nike mit dem Hund. Auch Spendenorganisationen wurden bereits angeschrieben, leider bis jetzt noch ohne Erfolg. Bettie verliert aber die Hoffnung nicht und setzt vor allem auf die Ansprache der lokalen Organisationen und Medien.  „Solche Geschichten muss ich vielfältig versuchen“, denkt die Mutter.

Willst du Bettie bei ihrem Vorhaben unterstützen? Die Spenden werden über den Verein Rehahunde Deutschland e.V. auf das folgende Konto gesammelt:


Kontoinhaber: Rehahunde Deutschland e.V.

Spendenkonto: Volks- und Raiffeisenbank Rostock

IBAN: DE 32 1309 0000 02 525341

BIC: GENODEF1HR1

Betreff: Nike


Wir von Hier ist auf der Suche nach lokalen Projekten wie der Spendenaufruf „Frei nach Schnauze“. Kennst du so ein Projekt aus deiner Nachbarschaft? Schreib uns an content@wirvonhier.de, damit wir die Geschichte auf unserem Blog erzählen können.

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Titelbild © Frei nach Schnauze