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Das zweite Wohnzimmer in Köln

Lesung im Kölner Freiraum "Das Ohr"

Das zweite Wohnzimmer – das will der vor kurzem eröffnete Freiraum Das Ohr in der Kölner Südstadt sein. Das Ohr wird zu einer Hälfte von der Musikschule, zur anderen Hälfte von dem Verein Köln spricht e.V. betrieben. Neugierig über dieses Experiment „zwischen Musikschule, Coworking-Space, Lese-Café und Kultur-Spielstätte“, hat Wir von Hier mit einem der selbstorganisierten Musiklehrer*innen Kilian Müller und Sergej Usov aus Köln spricht e.V. gesprochen.

Vom Friseurladen zum öffentlichen Wohnzimmer

Das Ohr ist ein Teil des lebendigen Kölner Bezirks Südstadt. Mitten in der Stadt, neben kleinen Läden, Bars, Cafés und Restaurants, hat ein solcher Ort mit der richtigen Wohlfühlatmosphäre und Events für die Nachbarschaft bis jetzt gefehlt.

Ende 2017 fing Kilian mit der Suche nach einem Raum für Musikunterricht an und fand so den ehemaligen Friseurladen unter der Adresse Im Ferkulum 8. Der Laden hatte einen Kultstatus, vor allem wegen des Albumcovers der Band BAP „Ahl Männer, aalglatt“.

BAP Albumcover „Ahl Männer, aalglatt“. © BAP/Das Ohr

Von Köln spricht e.V. kam der Vorschlag, den Raum in einem etwas größeren Rahmen aktiv mitzugestalten. Im Herbst 2018 wurde der Mietvertrag unterschrieben und es ging mit dem Umbau weiter.

„Wir haben uns überlegt, welche Elemente wir übernehmen können, was wir ändern wollen. Das Ergebnis ist das, was man jetzt sieht. Wir haben recht viel erhalten“, so Kilian. Die Finanzierung lief über Spenden, aber auch die Teilnahme an einem Unternehmerwettbewerb half, den Umbau schnell durchzuziehen.

Das Ohr: Ein Experiment zwischen Kultur und Politik

Das Ohr ist in erster Rolle ein Experiment, hier sind unterschiedliche lokale Initiativen angesiedelt. „Das Experiment besteht darin, zu schauen, wie man gemeinsam Struktur aufbauen, Synergien und Wissen von beiden Gruppen verwenden kann. Wir versuchen was Anderes zu machen“, so Sergej und Kilian.

Ein Mix aus kulturellen und politischen Veranstaltungen ist der Fokus der Initiative, aber vor allem der Bezug zu Menschen ist wichtig. Dafür ist auch der Raum da, um regional Freizeit gestalten zu können und Menschen aus unterschiedlichen Ecken Kölns zusammenzubringen.

Das Projekt ist aber offen für neue Ideen, das Programm ist ziemlich flexibel: „Wir haben uns relativ lose zusammengesetzt, uns ein Konzept überlegt, im September werden wir schauen, wie das Ergebnis ist“.

Das zweite Wohnzimmer

Die Idee eines zweiten Wohnzimmers ist die wichtigste im gesamten Projekt. Aber warum? „Viele Menschen wohnen in Wohngemeinschaften, es gibt wenig Räume für Begegnungen, auch weniger Räume, die man tatsächlich als Wohnzimmer nutzen kann“, so unsere Gesprächspartner.

Das Wohnzimmer in die Öffentlichkeit zu bringen? Diese Idee ist gar nicht neu, nimmt man zum Beispiel das Konzept von Third Place. Der Begriff stammt von dem Soziologen Ray Oldenburg, der unsere Lebensräume in erste (das Zuhause), zweite (Arbeitsplatz) und dritte Orte (Räume der Begegnung) klassifizierte. Solche dritten Orte sind im Idealfall Räume der Begegnung und sind besonders wichtig, um gegen Anonymität in der Stadt vorzugehen.

Musikschule © Das Ohr

„Menschen lädt man nicht sofort zu sich ein, sondern braucht einen Raum, wo man sie kennenlernen kann. Das passiert nicht im heimischen Wohnzimmer“, erzählen Kilian und Sergej. Das Kennenlernen klappt besonders gut bei gemeinsamen Aktivitäten wie das Musizieren, Singen oder bei Gesellschaftsabenden und beim Frühstücksgespräch.

So kommen bei Spieleabenden nicht nur Senioren, sondern auch junge Menschen zusammen. Das Beste daran: Man lernt Menschen unverbindlich kennen und kann sie im Ohr regelmäßig treffen.

Offenes Ohr haben

Warum aber der Name „Das Ohr„? Das Ohr verkörpert für die beiden Initiativen hinter dem Freiraum vor allem den Gedanken „ein offenes Ohr für jemanden haben“. Auf jeden Fall macht der Name neugierig und bewegt dazu, im Laden auch mal selbst vorbeizuschauen.

Das Ohr – das zweite Wohnzimmer. © Das Ohr

Beim Projekt machen Ehrenamtliche von „Köln spricht e.V.“ und verschiedenste Musiklehrer*innen mit. Das ist ein Team von 10-15 Menschen, aber Nachbarn und Nachbarinnen sind auch dabei, die auf eigene Initiative Events im Ohr organisieren. Für eine symbolische Summe von 1 Euro im Monat können sozial und politische Tätige Das Ohr auch als Coworking Space aktuell von 9 bis 15 Uhr nutzen.

Köln spricht e.V.

Hinter der Initiative steht zu 50 % der Verein Köln spricht e.V., der sich für offene Debattenkultur in Köln einsetzt. Nachdem 2016 solche Themen wie PEGIDA und Brexit die öffentliche Diskussion stark geprägt haben, wollten Aktivist*innen dagegen vorgehen und einen anderen öffentlichen Raum schaffen, wo alle mitreden können und wo eine positive Gesprächskultur herrscht.

Köln spricht im Club Bahnhof Ehrenfeld (2018). © Köln spricht e.V.

Der Schwerpunkt bei Köln spricht liegt auf der Speakers‘ Corner. Im Winter finden die Diskussionen in Clubs und Bars, im Sommer draußen statt. In so einem kleineren Raum wie im Das Ohr gibt es die Möglichkeit, intensive Veranstaltungen mit wenigen Menschen und weniger Organisationsaufwand durchzuführen.

Nachbarschaftsevents in der Kölner Südstadt

Neben solchen Diskussionsabenden finden im Ohr auch reguläre Veranstaltungen statt, wie der Künstlerstammtisch, wo verschiedene Künstler*innen zusammenkommen, um mit einander ins Gespräch zu kommen. Zwei Rentnerinnen organisieren einmal im Monat Events wie Kleidertausch oder eine Bastelstunde. Auch eine Lesung mit jungen Schauspieler*innen und ein Workshop über sichere Kommunikation im Internet waren schon auf dem Programm.

Lesung im Ohr. © Das Ohr

Das Publikum ist bunt gemischt: „Im Schnitt liegt das Alter bei ca. 30…“, so Kilian und Sergej. Aber besonders beim Künstlerstammtisch gibt es sowohl ältere als auch jüngere Teilnehmer*innen. „Wir überlegen uns aktiv, wie man die Diversität steigern kann“, erzählten uns die beiden Organisatoren. Aktuell funktioniert vor allem Word of Mouth ganz gut: man bringt Freunde und Bekannte mit, die wiederum vom Ohr weitererzählen.

Das Projekt könnt ihr übrigens mit einem Euro pro Monat via Bankeinzug, mit dem Kauf von Getränken gegen Spende oder auch direkt über das Engagement im Team unterstützen.

Titelbild: Lesung im Ohr © Das Ohr

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