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Repair-Cafés: Reparieren statt wegwerfen!

Reparieren statt wegwerfen! Für viele Menschen ist das leider nicht mehr so selbstverständlich. Man kauft sich neue Sachen anstatt ein paar Stunden in die Reparatur der kaputten Gegenstände zu investieren. Repair-Cafés gehen ganz klar gegen diese Wegwerfgesellschaft vor. Das Prinzip ist einfach: die Menschen, die was reparieren möchten, mit den Leuten zusammenbringen, die sich mit der Reparatur auskennen.

Das Wir von Hier Team hat sich in seiner Nachbarschaft nach Repair-Cafés umgeschaut und dabei das Repair-Café Berlin-Treptow im Café Grenzenlos gefunden. An einem Novemberfreitag trafen wir uns mit Benjamin und Nicole in Alt-Treptow und haben viel Neues über die lokalen Reparaturinitiativen erfahren.

Repair-Café: Von der Idee zur Umsetzung

Wir von Hier: Wie lange gibt’s das Repair-Café im Café Grenzenlos schon und wie ist die Idee dazu entstanden?

Benjamin: Wir haben 2014 gestartet. Angefangen hat alles damit, dass mein Freund und ich überlegt haben, was man Sinnvolles zum Schutz und zum Schonen der Umwelt und Ressourcen machen kann. Wir haben schon immer gern gebastelt, ich habe auch im Privaten mal wieder Geräte aufgeschraubt und geguckt, wie sie von innen aussehen.

Dann haben wir über Repair-Cafés gesprochen und festgestellt, was das für eine tolle Sache ist. Und da haben wir uns gedacht: Das müssen wir auch in Berlin machen!

Wir haben gemeinsam nach einem Ort für unser Repair-Café in Berlin gesucht. Und dann habe ich dieses Café im Internet gefunden. Es sah schön aus und war nicht so weit weg von dort, wo ich wohne. Ich habe damals eine E-Mail geschrieben oder angerufen, ich weiß es gar nicht mehr genau. Kurz darauf haben wir uns getroffen. Zu unserem Glück: Nicole und der Geschäftsführer fanden die Idee genauso toll wie wir.

Repair-Café in Alt-Treptow © Wir von Hier

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Wir von Hier: Wer ist im Repair-Café Team dabei?

Nicole: Benjamin macht das ehrenamtlich und kümmert sich auch um das E-Mail-Postfach des Cafés. Und ich bin vom Träger [Wir von Hier: Psychosozialer Verbund Treptow e.V.]. Wir arbeiten mit Ehrenamtlichen, und ich bin dabei die Ehrenamtskoordinatorin. Es ist immer schön, hier zu sein.

Benjamin: Im Team gibt es immer wieder neue Leute, die dazu kommen und helfen [Wir von Hier: freiwillige Helfer*innen]. Besonders am Anfang haben wir viel Werbung gemacht, zum Beispiel über Gute-Tat.de. Als die Runde noch nicht so groß war, haben wir noch unsere Bekannte und Freunde angesprochen. Aber so wie es sich entwickelt hat, kommen jetzt immer wieder neue Leute von allein dazu.

Wir haben auch Ehrenamtliche von Vostel hier, die oft nicht aus Deutschland kommen und kein Deutsch sprechen. Trotzdem versteht man sich ganz gut mit Englisch, Händen und Füßen.

Repair-Café: Wie funktioniert es?

Wir von Hier: Erzählt uns über das Prinzip des Repair-Cafés? Wie funktioniert es?

Benjamin: Repair-Café heißt, man hat einen kaputten Gegenstand und kommt an einen Ort, wo es, neben vielen Werkzeugen, Leute gibt, die je nachdem ein bisschen Ahnung oder viel Ahnung haben. Dann schaut man gemeinsam, wie man den Gegenstand selber reparieren kann. Das heißt, wir geben eine Anleitung, Hilfe zur Selbsthilfe sozusagen. Wir reparieren die Gegenstände nicht für die Leute, während sie Kaffee trinken und Kuchen essen.

Wichtiger Punkt von uns: Wir erklären den Leuten, worum es geht. Nämlich um den Lerneffekt, die eigenen Fähigkeiten zu erweitern und sich an die Geräte ranzutrauen. Es geht nicht darum, einen kostenlosen Reparatur-Service anzubieten.

Reparieren und etwas Neues im Repair-Café lernen! © Wir von Hier

Wir von Hier: Kann man alles zum Repair-Café mitbringen?

Benjamin: Generell ja, aber es gibt Grenzen der Machbarkeit. Wir können an Smartphones arbeiten und Akkus wechseln, ein paar von uns haben sich auch schon an Displays getraut. Auch Fahrräder sind möglich, aber dafür gibt es eigentlich extra Fahrradreparaturläden.

Was Fahrräder angeht, können die Leute das meistens auch selber machen, wissen aber häufig nicht wie. Wir müssen dann genau schauen, wie wir ihnen helfen können. Generell sind aber Fahrradreparaturen nicht die Idee des Cafés, es geht um etwas Schwierigeres, zum Beispiel um Haushaltsgeräte.

Trotzdem haben wir in den letzten Monaten schon mehrmals mitgebrachte Fahrräder repariert. Bei uns wird nichts abgelehnt, nichts abgewiesen. Es kann sein, dass wir sagen, dass wir nicht helfen können. Aber in der Regel gibt’s mindestens Ideen.  

DVD-Spieler oder Ergometer kaputt?

Wir von Hier: Welche Gegenstände werden am häufigsten zur Reparatur gebracht?

Benjamin: Elektrogeräte, Elektro-Zahnbürsten… DVD-Spieler oder auch Radios, Küchengeräte, die Eieruhr. Heute wollte eigentlich einer mit der Spülmaschine vorbeikommen. 

Wir von Hier: Gab es schon etwas Ungewöhnliches, was mitgebracht wurde?

Benjamin: Gartengeräte, so eine große Maschine für Äste. Das Gerät stand mitten im Zimmer, es war wirklich sehr groß. Oder auch ein Ergometer und einen Fahrrad-Trainer.

Wir von Hier: … und hat mit der Reparatur alles geklappt?

Benjamin: Ich bin mir nicht mehr sicher, wer da dran war, aber ich glaube, sie war erfolgreich.

Wir von Hier: Wie bedankt man sich bei den Helfer*innen?

Benjamin: Die beste Unterstützung ist eine Spende, davon kaufen wir neue Werkzeuge und anderes Verbrauchsmaterial für die Reparaturen. Die Ehrenamtlichen werden außerdem mit Getränken und Kuchen versorgt.

Wir von Hier: Bringt ihr die Werkzeuge jedes Mal mit?

Die sind hier [Wir von Hier: im Café Grenzenlos] gelagert, wir haben mittlerweile ziemlich viel, vor allem das Spezialwerkzeug, das man Zuhause nicht hat. Für typische Sachen wie zum Beispiel Wasserkocher haben wir keinen normalen Schraubendreher, sondern so einen mit Dreiecksform… Wir gucken immer, dass wir auch besondere Werkzeuge am Start haben, um die Leute zu unterstützen.

Reparieren und Leute kennenlernen

Wir von Hier: Wer kommt zum Repair-Café? Sind das vor allem Leute aus der Nachbarschaft? Macht ihr auch ein bisschen Werbung für die Initiative?

Benjamin: Die Leute kommen meistens aus der Nähe, wenn sie etwas reparieren wollen.

Werbung haben wir eine Zeit lang aktiv versucht. Wir legen großen Wert auf eine gemütliche Atmosphäre. Daher ist zum Beispiel keine Voranmeldung bei uns erforderlich. Manchmal sagen uns die Leute vorab: „Wir kommen mit einer Spülmaschine, nehmt ihr das an? Könnt ihr damit umgehen?“. Aber ansonsten kommt man einfach vorbei.

Die Leute, die ins Café kommen, kriegen davon auch etwas mit, weil wir hier immer Flyer auslegen. Auch auf Facebook stellen wir Termine ein. Aber es ist nicht so, dass wir irgendwie eine große Marketing-Strategie haben. Leute erfahren von Repair-Cafés, informieren sich, finden eines in der Nähe und kommen vorbei.

Nicole: Wir machen Werbung zum Beispiel im Kunger-Kiez-Flyer und beim Umweltkalender Berlin. Natürlich nutzen wir auch die repaircafe.org und die reparatur-initiativen.de Seiten als Werbung!

Begeistere deine Nachbar*innen von der Idee des Repair-Cafés!

Café Grenzenlos ist gleichzeitig ein Beschäftigungsprojekt für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen & ein Treffpunkt für Reparaturbegeisterte. © Wir von Hier

Wir von Hier: Welche Gegenstände werden meistens weggeworfen, obwohl man sie noch reparieren kann?

Benjamin: Naja, Sachen, die wenig kosten, wie ein Wasserkocher. Wenn da zum Beispiel ein Knopf kaputt geht, wird der Wasserkocher eher weggeworfen, als eine Stunde Arbeit darin zu investieren. Für 10 Euro findet man schon schnell einen günstigen und neuen Wasserkocher.

Wir von Hier: Wie seid ihr mit den anderen Reparatur-Initiativen vernetzt?

Benjamin: Also, wir sind vor allem über repaircafe.org und www.reparatur-initiativen.de mit den anderen Initiativen vernetzt. Bei der Vernetzung hat uns am Anfang Stefan von „Murks? Nein Danke!“ geholfen. Ein paar haben auch schon von hier aus woanders ein Repair-Café gegründet. Treffen für Reparaturinitiativen gibt es auch, aber daran haben wir bis jetzt noch nicht aktiv teilgenommen.

Es ist viel los und es lohnt sich, im Internet zu schauen, wo die Leute sich treffen, was für Initiativen es gibt und auch was für Messen es gibt.

Wir von Hier: Benjamin, was ist deine persönliche Motivation, beim Repair-Café mitzumachen?

Benjamin: Ich repariere gern Sachen, ich find’s schön. Allein das Meditative daran.

Außerdem hat das auch einen guten Effekt für die Umwelt und ich lerne viel.

Als ich hier angefangen habe, konnte ich zum Beispiel nicht mit dem Multimeter umgehen. Jetzt habe ich aber ein besseres Verständnis, wie die Geräte funktionieren. In mehrfacher Hinsicht ein Benefit!

Wir von Hier: Was denkst du, welche Auswirkungen hat euer Repair-Café? Bleiben die Leute, die hier einander kennenlernen, auch nachher noch in Kontakt?

Benjamin: Es gibt schon eine Verbindung. Nicole versucht immer, sie aufrechtzuerhalten. Wenn besondere Sachen stattfinden, wie zum Beispiel eine Weihnachtsfeier oder ein Grillen, schreibt Nicole E-Mails an die Leute und sie kommen vorbei.

Ein sehr wichtiger Punkt von Repair-Cafés ist, finde ich, dass die Leute sich unterhalten. Auch die Leute, die normalerweise auf der Straße nie miteinander ins Gespräch kommen würden.

Man spricht hier nicht nur über das Reparieren, sondern auch über unterschiedliche Alltagsthemen. Oder sitzt einfach zusammen. Das ist sehr bereichernd, finde ich. 

Ein Repair-Café organisieren? Klar!

Wir von Hier: Könnte man ein Repair-Café auch bei sich Zuhause starten? Hast du so etwas schon mal gehört?

Benjamin: Ne, aber ist doch eine super Idee! Wieso nicht?!

© Wir von Hier

Wir von Hier: Hast du Tipps für jemanden, der ein Repair-Café starten will?

Benjamin: Naja, man sollte sich umschauen, gibt es schon ein Repair-Café? Wenn es noch keins gibt, dann ist es bestimmt eine gute Idee. Dann guckt man, welche Freunde was können. So habe ich das gemacht. Dann kratzt man ein paar Werkzeuge zusammen und fängt an.

Dann sollte man natürlich auch Werbung machen und über die Webseiten für Repair-Cafés sichtbar sein. Und dann vielleicht noch fragen, ob die Menschen von anderen Repair-Cafés helfen können.

Wir von Hier: Manche fürchten ja bei solchem Vorhaben wie ein Repair-Café starten, dass dies mit einem großen Zeitaufwand verbunden ist. Wie sieht es bei dir aus? Ist das Repair-Café ein großer Zeitaufwand für dich?

Benjamin: Nein, tatsächlich nicht. Mit E-Mails-Beantworten, mal die Facebook-Termine eintragen und 3 Stunden im Monat, die wir hier zusammensitzen, bin ich bei 4 Stunden im Monat fürs Repair-Café. Es ist nicht super aufwendig, wenn man das nicht alleine macht.

Wir von Hier: Wie kann man sonst gegen die Wegwerfgesellschaft vorgehen? Hast du Tipps?

Benjamin: Ja, für die Hersteller gibt’s den Tipp: Einfach die Sachen benutzen, die nicht so schnell kaputtgehen. Wenn man sich so anschaut, was alles kaputtgeht… Kleine Teile in einem Gerät, die man von Qualität so bauen könnte, dass sie ein paar Jahre länger halten. Aber da nimmt man Plastik anstatt Metall, und so bricht eine kleine Ecke ab und dann funktioniert das Radiogerät nicht mehr.

Aber natürlich auch die Sachen reparieren! Alles, was es so in der Umgebung gibt: Ein Änderungsschneider, ein Fahrradladen, ein Handyreparaturladen, ein Schuhmacher… Die Leute sind ja spezialisiert darauf und sind, zumindest in Berlin, auch in der Nähe. Es ist sehr wichtig, in die Reparaturläden zu gehen, sich zu erkundigen, ihren Service zu nutzen und sie so auch finanziell zu unterstützen.


Das Repair-Café im Café Grenzenlos findet immer am zweiten Freitag im Monat statt und freut sich, auch dich bei der Reparatur eines kaputten Gegenstandes zu unterstützen. 🙂 Mehr Infos findest du auf der Facebook-Seite des Repair-Cafés.

Wohnst du woanders? Das ist kein Problem, denn auf den Seiten www.reparatur-initiativen.de und repaircafe.org findest du Informationen über Repair-Cafés in deiner Nähe und Tipps, wie du selbst so eine Initiative starten kannst.

Noch nicht auf Wir von Hier? Hier geht’s zur Anmeldung im Nachbarschaftsnetzwerk!