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Shipwreck Rats im Interview: Hosenlosigkeit und Pirate-Spirit

Piraten, Folk-Musik und Drinks in der Kneipe. Das Wir von Hier Programm für den Berliner Bezirk Wedding steht fest: Am 28. März findet in der Bar Gedeih & Verderb das zweite Einfach.Hiersein Konzert „Wedding in Sicht!“ mit der Band Shipwreck Rats statt. Was macht die Shipwreck Rats Crew aus und was können wir von der Gig in der Weddinger Bar erwarten? Das hat das Wir von Hier Team im Gespräch mit Anna, Liam und Daren erfahren.

Alles fing in Berlin an…

Was ist die Geschichte von Shipwreck Rats? Wann habt ihr gestartet und wer ist vom Beginn an dabei?

Daren: Ich denke, das alles fing noch 2006 oder 2007 an…und die Band ist entstanden, weil wir pleite waren. Wir durften keine richtigen Jobs haben und gingen auf die Straßen, machten Straßenmusik, schrien Passanten an, die uns mit Geld bewarfen.

… und das alles hat in Berlin angefangen?

Daren: Ja, das startete in Berlin. Die Band hatte unterschiedliche Formationen und verschiedene Band-Mitglieder erlebt, aber Berlin war immer der Startpunkt. Wir sehen unsere Band so: Shipwreck Rats ist eine Art Rettungsboot für zufällig zusammengekommene Musiker*innen, die durch Berlin herumgetrieben werden und lustige Folk-Musik machen wollen.

2006/2007 habe ich mit dem Kerl aus Kentucky angefangen, dann haben wir einen Fiddlespieler aus Schottland gefunden. Eine Zeitlang hatten wir einen Kontrabassspieler aus Polen und einen Bassisten aus Irland. Und dann haben wir Liam aus Schottland gefunden.

Shipwrack Rats auf der Whiskey Messe in Dresden

Daren auf der Whiskey Messe in Dresden. © Shipwreck Rats

Liam: Das ging ja schnell und war wie: „Siehst du diese Akkorde, die ich spiele? Spiel’ sie auch!“ Und ich habe einfach angefangen, Songs zu spielen. Manchmal wusste ich die Worte, den Rest habe ich dann so gelernt.

Warum Berlin?

Anna: Ich bin hier wegen der Liebe. Ich hatte einen Nine-to-five-Job in der Schweiz, aber hatte genug davon, wollte mit meinem Freund, der Deutscher ist, zusammenleben.

Liam: Ich fühle mich ziemlich wohl, hier zu leben. Ich war nicht an so vielen Orten außerhalb Europas, aber habe schon unterschiedliche Orte, auch in der UK, besucht. Und am wohlsten fühle ich mich hier. Das passt mir. Ich fühle mich wie eine „normale“ Person hier. Ich kann hier das machen, was ich zu machen habe. Und das kann ich machen, ohne dass jemand über mich urteilt. Das Set-Up hier passt viel mehr, eigenes Ding zu tun.

In Schottland haben Menschen meistens Nine-to-five-Jobs, alles ist wirklich sehr klein, provinziell. Und ich mag große Städte, weil sie groß sind und du anonym bleiben kannst. Du kannst viele Sachen tun und es wird nie langweilig. Aber du kannst dich gleichzeitig auf gewisse Sachen fokussieren. Das hilft sehr – in einer Umgebung zu leben, die dich fördert und ermutigt. Berlin ist eine Großstadt, aber noch nicht so teuer.

Und auch dass hier viele Freaks leben gefällt mir sehr!

Daren: Ja, Berlin ist wirklich speziell…

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Könnte man sagen, dass die Hauptidee der Band ein Neuanfang war?

Daren: Ja, das ist tatsächlich so wie alles zustande gekommen ist. Wir haben ab und zu nach jemandem gesucht, und früher war ich auf See in der Tat etwas häufiger als jetzt…

Anna: Als ich nach Berlin umgezogen bin, war das eine wirklich tolle Möglichkeit, in Berlin neu anzufangen, unterschiedliche Orte und Eckchen zu entdecken.

Daren: Und ich denke, die Folk-Musik ist ein sehr direktes Genre, das zu tun. Die Folk-Musik basiert auf bestimmten Akkorden und Melodien, die sehr einfach zu lernen sind. So steigen Leute, die grundsätzlich spielen können, ziemlich schnell ein.

Welche Musikinstrumente spielt ihr?

Daren: Ich spiele Gitarre, Mandoline und Mundharmonika.

Liam: Ja, er spielt unterschiedliche Instrumente, wie ein richtiger Musiker.

Daren: Naja, ich habe viele Instrumente und versuche sie alle zu spielen, manche erfolgreicher als andere.

[Wir von Hier: Liam spielt Bass und Anna Fiddle].

Folk-Musik mit Pirate-Spirit

Ihr bezeichnet euer Genre als Pirate Speed-Folk. Das klingt ziemlich ungewöhnlich. Worum geht es bei Pirate Speed-Folk?

Daren: Speed-Folk heißt es, weil wir versuchen, schnell und übel zu spielen und weil das Spaß macht. So können die Leute dazu tanzen… und ich denke, es ist auch sehr aufregend, solche Musik mit sehr einfachen Instrumenten zu machen. Denn normalerweise haben wir nur eine Gitarre, eine Fiddle und einen Bass. Einfache Sachen.

Aber natürlich versuchen wir einen guten Folk-Sound daraus zu machen, Leute mögen und genießen das, wir spielen schnell und mit großer Energie. Und das macht die Musik interessant.

Und Pirate-Folk, weil wir ziemlich viel von der gespielten Musik gestohlen haben.

Bilder © Shipwreck Rats

Kleidet ihr euch zu Konzerten auch als Piraten?

Daren: Ja, das passiert. Zwar machen wir das nicht bewusst, aber Leute sagen uns irgendwie, dass wir wie Piraten aussehen. Und wir machen mit.

Liam: Und trinken mögen wir auch. Also, das hilft. Wir singen viele Lieder über das Trinken. Piratenlieder.

Daren: Wir mögen Gold stehlen… Und teils ist das die Ursache, warum wir pleite sind. Viele unserer Anlagen sind im Sand begraben. Auf unterschiedlichen Inseln, zerstreut auf der ganzen Welt. Und es ist ziemlich schwierig, auf sie zurückzugreifen, wenn du zum Beispiel was vom Bäcker holen willst. 

Folk-Musik aus Faulheit 

Was ist eure persönliche Verbindung zur Folk-Musik? Warum nicht zum Beispiel Rock oder Rap spielen?

Liam: Ich weiß nicht… Bevor ich mich der Band angeschlossen habe, habe ich noch nie Folk-Musik gespielt. Ich habe immer in Punk und Rock-Bands gespielt. Für mich war die Folk-Musik ein lustiger Weg, viele Songs zu lernen, die ich bereits kannte. Die Folk-Musik hat eine coole Struktur, und du verstehst sofort die Hauptidee und kannst diverse Sachen spielen. Das war für mich wie eine offene Tür zur anderen Seite des Musikspielens, mit der ich zuvor nicht in Berührung kam. Natürlich war ich mit Folk-Musik vertraut, in Schottland ist sie sehr verbreitet. Man macht Konzerte in Pubs und Ähnliches.

Und dann traf ich die Shipwreck Rats, die schottische Lieder gespielt. Manche kannte ich, von manchen habe ich nie zuvor gehört. Also ich bin am Ende nach Berlin gezogen und habe mich hier einer Folk-Band angeschlossen, die Lieder aus Schottland spielt…das ist abgedreht genug für mich, damit kann ich arbeiten. [Lacht]

Cool ist auch, dass Daren, der aus den USA ist, all diese schottischen Lieder kennt.

Shipwreck Rats im Artliners in Berlin

Shipwreck Rats in Artliners in Berlin. © Shipwreck Rats

Daren: Ehrlich gesagt, wusste ich nicht, dass viele von ihnen schottisch sind.

Ich mochte immer Folk-Musik, meine Eltern hörten unterschiedliche Arten der Folk-Musik. Mir gefielen viele andere Sachen auch, Rock und Rap, ich habe zuvor auch in einer Rock-Band gespielt. Auch in einer Reggae-Band habe ich gespielt, was eine Menge Spaß machte.

Was mit einer Folk-Band tatsächlich sehr gut funktioniert: es ist eine sehr mobile Art des Spielens. Du hast eine akustische Gitarre, eine Mandoline, eine Fiddle – das alles sind kleine und leicht tragbare Instrumente.

Ich denke, unsere Faulheit ist auch ein Grund, wieso wir Folk-Musik machen. Abgesehen davon, dass wir pleite waren, waren wir auch sehr faul.

Anna: Bevor ich nach Berlin gezogen bin, habe ich nur klassische Musik gespielt, für eine sehr lange Zeit. Also für mich war es wirklich interessant, du lernst improvisieren. Ich mag das!

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Spielen in einer Band: Einfach Hobby oder Leidenschaft?

Erzählt mal über euch selbst: Spielt ihr in der Band in eurer Freizeit? Wie kombiniert ihr Arbeit und Musik?

Liam: Gerade jetzt mache ich sehr unterschiedliche Sachen. Ich mache Workshops, bringe Menschen bei, wie man druckt, und mache je nach Möglichkeit auch meine eigene Kunst. Ich spiele noch in einer anderen Band, Drums in einer Punk-Band. Außerdem habe ich angefangen, in einem Burger-Laden zu arbeiten, und lerne jetzt, Barbecue-Burger und Cheeseburger zu machen.

Daren: Ich arbeite im Business. Im Business der Gerechtigkeit, ich kämpfe für Gerechtigkeit.

Anna: Ich lebe seit ein paar Jahren in Berlin und arbeite als Freelance-Übersetzerin und ab und zu als Autorin. Den größten Teil meiner Freizeit verbringe ich beim Musikspielen, denn das Spielen mit „Rats“ ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Spiele ich keine Musik, bin ich meistens dabei, Musik zu hören oder über die Musik auf eine oder andere Weise nachzudenken.

Ist „Shipwreck Rats“ eher ein Projekt, das ihr in eurer Freizeit macht?

Liam: Ich habe diesen typischen „Freelancer Lifestyle“. Ich mag aber nicht, mich als „Freelancer“ zu bezeichnen, viel mehr gefällt mir der Begriff „Selbstständig“. I habe keinen Nine-to-five-Job und hatte so einen Job bisher nie länger als 4 Monate.

Anna: Genau so ist es bei mir auch.

Liam: Daren ist ein Profi unter uns.

Anna: Ein Erwachsener.

Daren: Es fühlt sich komisch an zu sagen: Das mache ich nur in meiner Freizeit. So sieht das Ganze wie ein Hobby aus oder so. Aber das ist mehr als ein Hobby für mich. Meinen normalen Job mache ich, um Musik zu machen.

Shipwreck Rats im Gedeih & Verderb

Shipwreck Rats im Gedeih & Verderb. © Wir von Hier

Könntet ihr euch vorstellen, eure Jobs aufzugeben, um nur Musik zu machen?

Daren: Jederzeit!

Liam: Das wäre das Beste! Von der Musik zu leben ist sehr hart. Ich denke, wir alle versuchen auf unterschiedliche Weise, von dem zu leben, was wir machen. Man bringt Leuten Freude mit Musik, aber muss dennoch arbeiten, um für Miete, Instrumente oder was anderes zu zahlen. Ich kenne auch Musiker*innen, die sehr erfolgreich sind. Aber in Berlin ist das meistens bei Elektro-Musik der Fall.

Daren: Berlin ist auf jeden Fall ein schwieriger Ort sowieso, wobei er natürlich auch ein sehr inspirierender Ort ist. Hier sind so viele Musiker*innen unterwegs und es geht so viel ab. Aber das macht es wiederum schwierig, von der Musik zu leben. Nichtsdestotrotz, hilft das, fit zu bleiben.

Lieder über Walfang und Hosenlosigkeit

Spielt ihr in erster Rolle alte, authentische Lieder?

Daren: Ja, viele alte Folk-Lieder, die wir von unterschiedlichen Orten mitgenommen haben. Wir treffen andere Leute, Musiker*innen, und lernen Songs von ihnen. Wir haben auch einige Covers im Repertoire, die Menschen kennen und mögen.

Aber wir schreiben auch eigene Songs, von Zeit zu Zeit.

Auf eurer Website sagt ihr: „Wir haben viele Lieder über aktuelle Themen wie Walfang und Hosenlosigkeit“. Könntet ihr mir Beispiele für Lieder über diese Themen geben? Habt ihr auch andere Themen in euren Liedern?

Liam: Die Lieder über die Hosenlosigkeit sind „Donald Where’s Your Troosers“ und „Irish Rover“. „Rocket Man“, eins unserer eigenen Lieder, ist natürlich über „space whaling“.

Daren:The Scotsman“ ist auch ein schönes Vermächtnis nicht nur der Hosenlosigkeit, aber auch der „pantslessness“ in allen ihren Formen. Und klar, wir haben auch andere Themen! Zum Beispiel Whiskey, das deckt ziemlich viel ab.

Liam: Die Nachtzeit.

Daren: Shipwreck Rats in der Nacht und eine wachsende Zahl der Piraten.

Liam: Außerirdische.

Daren: Boote.

Liam: Ziemlich viele Lieder über den Tod und Mord.

Bilder © Shipwreck Rats

Spielt ihr auch moderne Songs?

Daren: Ja, wir haben auch ein paar moderne Songs, vor allem Lieder, die wenig bekannt sind. In der Tat: Einmal haben wir einen Song gespielt, über den wir dachten, das sei ein traditionelles irisches Lied, aber es hat sich herausgestellt, das Lied wurde 1997 geschrieben. Also das war gar nicht alt.

Wie sucht ihr nach Songs?

Liam, Anna: Daren hat immer Ideen für neue Lieder. [Man könnte sagen, das ist unerklärbar].

Daren: Wir finden viele Lieder übers Internet, wie die meisten Leute heutzutage. Einige Lieder lernen wir auch von anderen Musiker*innen. Einfach Ohren und Augen offen halten und Leuten zuhören.

„Tails from the Boneyard“ und „Murder & Magick“

Vor kurzem habt ihr eine neue EP „Tails from the Boneyard“ herausgegeben. Was ist die Hauptidee dieser EP?

Daren: Ich glaube, hinter dieser EP steht nicht mehr als die Idee: „Lass uns versuchen, ein paar Lieder aufzunehmen!“. Aktuell arbeiten wir an einem Album, das wir „Murder & Magick“ nennen wollen. Zufällig haben alle Lieder in diesem Album eine Tendenz zum Mord und/oder zur Magie.

Wann wollt ihr es herausgeben?

Daren: Unser Ziel ist, das zum St. Patrick Day zu schaffen. Abhängig davon, wie das läuft, werden wir eine Record Release Party organisieren. Aber wahrscheinlich werden wir das nicht „Release Party“ nennen, denn keine*r kauft ja Musikalben heutzutage.

Shipwreck Rats auf Live-Konzerten

Ihr habt viele Konzerte in TiR Na NOG in Dresden gespielt, gibt es eine spezielle Verbindung zu diesem Ort?

Daren: Wir spielen dort schon seit Jahren, noch bevor Liam und Anna in die Band kamen. Vielleicht 10 oder 11 Jahre schon. Uwe, der Barbesitzer, macht viele coole Sachen. Er organisiert viele Festivals. TíR Na NÓG ist eine einzigartige Location. Es ist nicht leicht, so einen Ort zu betreiben, aber Uwe macht es trotzdem. Und das ist etwas, wovor ich wirklich Respekt habe. Und vor allem sind wir einfach gute Freunde.

Bilder © Shipwreck Rats

Spielt ihr meistens in Berlin oder woanders?

Daren: Letztes Jahr haben wir mehr außerhalb Berlins gespielt, denke ich. Wir planen auch, weiterhin auf Festivals zu spielen und vielleicht mehr Tours in Skandinavien zu machen. Einmal haben wir in Finnland gespielt und in Kopenhagen.

Was denkt ihr über die Einfach.Hiersein Konzertreihe? Gibt es einen Bedarf für Musiker*innen, in ihrer Nachbarschaft zu spielen?

Daren: Ich glaube, das ist eine coole Sache. Die Nachbarschaft braucht auf jeden Fall eine Art Mikrokultur. Und das ist cool, wenn du zum Konzert nicht in eine große Musikhalle gehen musst und in der Nachbarschaft Live-Musik entdecken kannst. Es ist einfach toll, an einem Ort zu sein, wo etwas abgeht und kreative Sachen passieren.

Anna: Es ist auch toll, wenn Leute einfach in die Bar kommen, weil sie was trinken gehen wollten, und dann auf diese Weise Musik entdecken.

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Titelbild © Shipwreck Rats