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StrassenBLUES: Kreative Wege aus der Armut

Talente fördern und Schicksale von Menschen ändern ­– darum geht es beim Verein StrassenBLUES aus Hamburg. Ob Fotografie, Poesie oder Musik: Jede*r hat ein Talent, das den Weg aus der Krisensituation bereiten kann. Auf strassenblues.de und via Social Media zeigt StrassenBLUES unterschiedliche kreative Wege aus der Armut und Lösungsansätze. Wir von Hier sprach mit dem Gründer des Vereins Nikolas Migut über die Geschichte des lokalen Projekts.

Talent. Idee. Wunsch. Stimme.

Talent, Idee, Wunsch und Stimme sind die vier wichtigsten Bereiche der StrassenBLUES-Tätigkeit. Praktisch heißt das: Talente fördern, Ideen verbreiten, Wünsche erfüllen und Stimme geben.

Nikolas Migut Porträt

Nikolas Migut © David Diwiak | StrassenBLUES

Der Ursprung des Vereins war die Kurz-Doku über Alex, einen Obdachlosen, den Nikolas in Berlin 2012 getroffen hat. Nach der ersten Begegnung war der Kontakt verloren, man fand Alex nicht mehr in Berlin. Durch einen Hinweis auf einem Filmfestival, wo die Dokumentation gezeigt wurde, kam auf: Alex wohnt in einer sozialen Wohnung in Schleswig-Holstein. Nikolas fuhr zu ihm und so entstand nach der zweiten Begegnung der Film „Strassenblues“.

Nikolas erinnert sich: „Die Wände in seiner Wohnung waren komplett mit Gedichten tapeziert“. Poesie als der Weg aus der Armut? Warum nicht? Denn genau dieses Talent von Alex – Gedichte schreiben – fördert jetzt StrassenBLUES mit der Veröffentlichung seiner Texte im „Strassenbuch“.

Anfang 2015 wurde Nikolas aber klar: ein Film reicht nicht. Ein Jahr später gründete er zusammen mit acht weiteren Gründungsmitgliedern den Verein „StrassenBLUES“, der bis heute mit ca. 25 Ehrenamtlichen und Hilfskräften Projekte wie „Strassenweihnachtswunsch“ und „Strassenbuch“ auf die Beine gestellt hat.

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„Wir haben angefangen, Menschen mit Obdach und ohne Obdach zusammenzubringen, um Begegnungen auf Augenhöhe zu schaffen“, erzählt uns Nikolas über die ersten Ideen und Ziele von StrassenBLUES. So kam die Weihnachtswunsch-Aktion zustande. Fünf Obdachlose aus Hamburg haben ihre Weihnachtswünsche damals 2015 geteilt – das StrassenBLUES-Team hat sie gefilmt. Die Idee fanden viele Menschen toll: „Innerhalb von 10 Tagen haben wir 2.500 E-Mails bekommen“, erinnert sich der Vereinsgründer. Seitdem findet ihr Weihnachtsevent jedes Jahr statt.

Talente fördern

Die positive Resonanz motiviert das StrassenBLUES-Team, weiterzumachen. Neben dem großen Ziel, Austausch und Begegnungen auf Augenhöhe zu schaffen, war und ist es wichtig, kreative Wege aus der Armut zu zeigen. Das erste Projekt hierzu ist das Strassenbuch mit Gedichten von Alex und Fotos von Rosi. Die Hälfte der Verkäufe geht zukünftig (ab der 2. Auflage) an die Autoren, die andere an den Verein, um weitere Aktionen umsetzen zu können.

Alex (auf dem Bild links) und Günter (auf dem Bild rechts). © David Diwiak | StrassenBLUES

Die Geschichten von StrassenBLUES-Heroes erschüttern, inspirieren aber auch. So auch die Story von Günter: 6 Jahre obdachlos, krebskrank, wollte er seinen letzten großen Lebenstraum erfüllen: Vor einem großen Publikum mit seinem Song aufzutreten. StrassenBLUES förderte sein Talent, das Team hat gemeinsam mit ihm den Song „Mein St. Pauli“ aufgenommen. „Wenn ich sterbe, begrabt mich auf St. Pauli“, singt Günter im Lied.

Wie findet man aber Talente auf der Straße? Meistens ist es so, erzählt uns Nikolas, dass man jemanden kennt, der jemanden kennt. „Wir sind Storyteller und keine Sozialarbeiter“, sagt der Journalist und Regisseur. Der Verein arbeitet aber eng mit Sozialarbeiter*innen zusammen und bekommt so Hinweise über die künstlerisch begabten Obdachlosen.

Aber hat jeder Mensch ein Talent? „Jeder Mensch hat ein Talent, bei Menschen auf der Straße ist es allerdings so, dass sie andere Prioritäten haben als eigene Talente zu fördern“, so Nikolas. Es geht aber nicht nur um Talente, sondern vor allem um die Hilfe für Menschen ohne Obdach. Wie macht das StrassenBLUES? Die Initiative gibt den Obdachlosen eine Stimme. Die „Strassenhelden“ aus dem Verein gehen auf die Straßen und führen Interviews. Sie stellen Fragen und bekommen Antworten. Wie kann ich dir helfen? Diese einfache Frage ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Aber warum?

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Stimme geben

„Nicht nur Geld geben, sondern auch fragen, was brauchst du heute?“, so die Empfehlung von Nikolas, wenn du jemandem auf der Straße weiterhelfen willst. Investiere 5 Minuten deiner Zeit in kurzes Gespräch und du wirst bestimmt überraschende Antworten hören. Die Tatsache, bemerkt und gehört zu werden, bedeutet sehr viel für alle Menschen. Egal, ob mit oder ohne Obdach.

Zu der Obdachlosigkeit in Deutschland gibt es keine konkreten Zahlen, das sind meistens nur Schätzungen. Aber eines steht fest: Die Obdachlosigkeit ist vor allem ein Großstadtproblem. Als Obdachloser aus einer kleinen Stadt oder vom Land geht man meistens in eine große Stadt, weil es dort viele Einrichtungen gibt, die weiterhelfen können. Gerade die Großstädte könnten deshalb auch Lösungsansätze für das Problem finden.

Die Ausgrenzung aus der Gesellschaft ist wahrscheinlich das Schlimmste, was die Obdachlosigkeit mit sich bringt. StrassenBLUES will die Wertschätzung und Gleichbehandlung fördern. Denn alleine so selbstverständliche Dinge wie Weihnachtswünsche zu äußern oder wählen zu gehen, verlieren für die meisten Obdachlosen häufig an Bedeutung. Durch Storytelling wie die Weihnachtswunsch-Aktion kämpft StrassenBLUES dagegen an.

Strassenweihnachtswunsch 2018 © David Diwiak | StrassenBLUES

Aber nicht nur zu Weihnachten sollen Menschen mit und ohne Obdach einander auf Augenhöhe begegnen können. Das neue Projekt „Strassengeburtstag“, wofür der Verein aktuell Spenden sammelt, hat zum Ziel, auch Geburtstagswünsche zu erfüllen. „Geburtstage werden auf der Straße häufig vergessen, keiner feiert sie richtig“, erzählt Nikolas. Zu Geburtstagen sollen kleine Zusammenkommen organisiert werden, wo man sich bei Essen und Kaffee trifft. „Daraus sollen kurzzeitige und langzeitige Patenschaften entstehen“, so die Idee von Nikolas und dem StrassenBLUES-Team.

Hilfe und Unterstützung

Findest du die Idee von StrassenBLUES toll und willst den Verein unterstützen? Neben der finanziellen Hilfe ist vor allem die Zeitspende sehr wertvoll. Je mehr Leute im Verein ehrenamtlich aktiv werden, desto mehr Ideen und Wünsche gehen auch in Erfüllung. Noch ein Tipp von Nikolas: StrassenBLUES-Beiträge auf Social Media teilen und dadurch mehr Sichtbarkeit für den Verein Strassenblues e.V. schaffen.

Foto aus Bremen von Rosi © Rosi Behnken

Die weiteren Pläne von StrassenBLUES? Der Verein will auch in anderen Städten aktiv werden. Die nächste Stadt auf der Liste wäre auf jeden Fall Berlin. Dort ist die Situation der Obdachlosen besonders stark zu spüren. Wer gut informiert ist, kann aber immer helfen. 😉 Hier haben wir für dich die wichtigsten Links auf einen Blick gesammelt.

Obdachlosenhilfe in Berlin:

www.berliner-obdachlosenhilfe.de

www.berliner-stadtmission.de

www.drk-berlin.de


Titelbild: Kathi Messmann | StrassenBLUES


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