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Studiokonzerte: Geheimtipp in der Nachbarschaft

Monika Werkstatt mit Islaja, Pilocka Krach, Rachel Lyn, Gudrun Gut und Beate Bartel auf dem Konzert im Fotostudio gezett

Einmal im Monat kommen Gäste in Geralds Fotostudio in Wilmersdorf, nicht der Fotografie wegen, sondern um Musik zu hören. Die Bands aus unterschiedlichen Ecken der Welt treten auf den Konzerten im gezett Fotostudio auf, der Eintritt ist frei und alle Nachbar*innen sind eingeladen. Auch über Wir von Hier machte der Berliner Fotograf auf sein Konzert im März aufmerksam. Das Wir von Hier Team schaute im Fotostudio vorbei, um mit Gerald über Studiokonzerte zu sprechen und sich über Musik auszutauschen.

Fotostudio in Wilmersdorf – geheimer Ort für Konzerte

Du machst Konzerte in deinem Fotostudio. Wie ist das dazu gekommen und wie lange machst du das schon?

Ja, ich bin als Fotograf schon immer auf Events unterwegs gewesen. 2009 habe ich diesen Raum bekommen und 2013-2014 das Portal SofaConcerts entdeckt. Ich habe dort ein Profil erstellt und dann meldeten sich welche bei mir. Darunter waren gleich zwei, drei Richtige, die wirklich international unterwegs sind. Nach einem Jahr war ich aus dem Portal wieder raus, weil das ein Selbstläufer war. Leute bewerben sich bei mir, jeden Monat kriege ich 3-4 Bewerbungen.

Gerald mit Ryan O’Reilly und Hayley Reardon auf dem Studiokonzert © Detlev Schilke

Das heißt, die Musiker*innen melden sich bei dir von alleine?

Ja, auch weil die, die schon hier waren, sagen: „Geh’ mal dahin“. So ist daraus eine monatliche Veranstaltung geworden, und das ist meine Leidenschaft. Und es gibt immer ein paar Leute, die sagen, ja, versuch da mal, schreib da mal… Wenn die Bands fragen: „Wir wollen nach Deutschland, nach Europa, wo können wir da spielen?“ Da werde ich sicherlich immer genannt.

Organisiere ein Konzert in deiner Nachbarschaft.

Machst du Musik auch selbst?

Nein, selbst mache ich keine Musik, sonst würde keiner hierherkommen. [Lacht]

Ich habe als Kind Klavier gelernt, aber das ist schon lange lange her.

Im Haus, wo dein Fotostudio ist, gibt es noch viele weitere Ateliers, oder?

Hier sind ungefähr 30 Ateliers…

Seid ihr auch alle befreundet?

Befreundet schon, aber es ist nicht so, dass alle laufend miteinander kommunizieren. Eigentlich macht jeder seins und für sich. Und das ist nicht so stark vernetzt. Liegt wahrscheinlich daran, dass der Altersdurchschnitt hier im Haus ziemlich hoch ist. Es sind kaum Junge dabei, es fängt bei 45 an und geht bis 80. Der Älteste hier im Haus ist 86 Jahre alt, ein FU-Professor, der ein halbes Jahr in Mexiko und ein halbes Jahr in Berlin lebt. Jetzt ist er in Mexiko natürlich. [Lacht]

Singer-Songwriter von der ganzen Welt

Kannst du etwas mehr über Musiker*innen erzählen? Sind das vor allem Singer-Songwriter?

Das sind meistens Singer-Songwriter. Aber ich habe auch schon Elektro gehabt. Der erste hier war Ryan O’Reilly. Er kommt aus England und wohnt mittlerweile in Berlin.

Ryan O’Reilly mit Hayley Reardon auf dem Konzert. Dezember 2018. © gezett

Sind das meistens internationale Künstler*innen oder auch welche aus Berlin?

Ja, meistens internationale, aus Berlin gibt es eigentlich kaum jemanden.

Aber hättest du gern Musiker*innen aus Berlin auf deinen Konzerten?

Ich habe lieber Leute, die von weit herkommen.

[Zeigt Fotos von früheren Konzerten].

Das sind Kanadier… sie kommen auch wieder. Das sind Musikstudenten, sie hatten ein Stipendium, um nach Deutschland zu fahren.

Ich habe eine Menge Anfragen. Und diese Frau [zeigt auf das Foto], die saß auf der Brücke und spielte Gitarre. Sie hat drei wunderbare Kinder, die immer mitsingen. Und da habe ich ihr gesagt: Wir machen hier abends einen Singer-Songwriter Zirkel, wo alle, die kommen wollen, mit eingeladen werden. Das haben wir drei Mal gemacht, da ist die Bude richtig voll gewesen.

Hattest du hier auch Big Bands?

Ich hatte eine Jazz-Band hier, so richtig mit allem drum und dran. Zwei E-Gitarren, Bass, großen Bass und Schlagzeug… Es gibt hier in der Nähe die Konzerte „Jazz on the roof“ im Café Haberland. Und da saßen sie eine Woche vor dem Auftritt da und riefen mich an, ich kannte sie auch schon. „Können wir das hier machen?“ fragten sie mich. Und das haben wir dann hier gemacht. Es war ein Super-Abend.

Einladung für Nachbarn

Was ist die Hauptidee von deinen Konzerten?

Naja, ich will einfach Nachbarn versammeln. Teilweise kommen
dann auch meine Kunden, die ich hier im Studio hatte, und ein paar Freunde. Das hängt natürlich von vielen Faktoren ab. Leute, die kommen, bringen auch noch selber Leute mit. Heute habe ich ein bisschen Bedenken, Regen ist ein starker Feind für solche kleinen Sachen. Wenn man eine Karte für die Philharmonie hat, dann geht man schon hin. Aber in diesem Fall gibt man vorher nichts aus, da kann man sich auch anders überlegen. Ansonsten sind die Besucherzahlen zwischen 25 und 70 Menschen.

Erstelle ein Event auf Wir von Hier und lade deine Nachbarn ein.

Kelley McRae und Matt Castelein. März 2015. © gezett

Wie machst du auf dein Event aufmerksam? 

Über Facebook, meine Mailingliste und bei euch.

Finden Konzerte immer samstags oder auch an anderen Tagen statt?

Ich ziehe freitags und samstags vor. Aber es kommt manchmal vor, dass ich das Konzert in der Woche mache, weil die Leute anders nicht können.

Sind die Leute, die zum Konzert kommen, aus der Nachbarschaft?

Das ist schwer einzuschätzen. Meistens ist es so, dass man Leute mitbringt oder so. Ich versuche auch mit jedem mal zu reden. 

Studiokonzert mit Craig Judelman & The Horseshoe Bend Band und Gast Jack B. Latimer © gezett

Gab es schon jemanden aus dem Publikum, der*die meinte: „Ah toll, ich würde gern selbst so ein Konzert bei mir im Wohnzimmer machen und/oder selbst bei solchem Konzert mitspielen?“

Das kann schon sein, das halte ich für möglich. Diese Wohnzimmerkonzerte haben sich durchgesetzt. In den Zeiten des Internets und Facebook, wo sich alle vernetzen, ist das eine schöne Sache… Musiker fahren irgendwohin. Sie können jetzt nach Berlin kommen, wegen eines größeren Auftritts, und bleiben dann eine Woche, machen Wohnzimmerkonzerte. Ein bisschen Geld einsammeln und Spaß haben.

Vernetzen sich Leute auf dem Konzert? 

Ja, sie reden schon mit einander.

Warum meinst du, ist es wichtig, dass es mehr von solchen Konzerten gibt?

Das hilft den Musikern, da geht immer der Hut rum, und dann haben sie Geld. Und ich sehe auch, viele kommen mehrfach hin, dann kann das nicht so schlecht sein. [Lacht]

June in the fields: James Forest und Melissa Brouillette. © gezett

Wilmersdorf: von Einstein bis heute

Wohnst du auch hier in der Nachbarschaft? Wie würdest du die Gegend hier beschreiben?

Ja, ich wohne hier in der Nähe. Aber ich komme vom Prenzlauer Berg und aus Friedrichshain. Als ich hier die ersten Tage war, dachte ich, es ist so ruhig hier! Aber ich liebe es mittlerweile. Hier ist ein wunderschöner Park, der sich durch die Stadt zieht, da gehe ich manchmal im Sommer, oder auch im Winter, eine Runde spazieren. Es ist eine tolle Gegend, auch historisch. Ich bin seit einigen Jahren auch in so einem Verein, Quartier Bayerischer Platz nennt sich das, eine Art ehrenamtliches Quartiersmanagement. Wir haben auch so eine Werbegemeinschaft gebildet, um so ein bisschen lokales Einkaufen zu forcieren. Aber es ist schwierig, die es eigentlich betrifft, in die Gänge zu bringen. Obwohl wir eine anspruchsvolle Image-Kampagne hatten, mit der uns Studenten von dem Lette-Verein geholfen haben.

Ich versuche mich ein bisschen umzutun, was hier so los ist. Wir haben auch sehr viele Prominente hier. Hier wohnen immer noch einige Personen aus der Literaturszene, viele Schriftsteller, Literaturkritiken und -journalisten. Einstein hat hier gewohnt und Giséle Freund hat hier gewohnt. Solche Sachen. 

Gibt es in der Gegend viele kulturelle Events?

Das nächste, was es hier gibt, ist Badenscher Hof. Das ist eine Jazzkneipe, und sie haben eine ganz kleine Bühne, machen aber fast täglich Musik.

Aber alles, was es hier in der Gegend gibt, ist für alte Leute. Es gibt zum Beispiel Rickenbackers, eine Bar mit Rock-Musik. Aber du weißt selber, wie alt The Beatles sind, die übrig sind. Ich bin auch so alt. [Lacht]

Ich würde schon gern mehr junge Leute sehen. Vor den Konzerten mache ich auch immer ein Poster in der Hochschule für Wirtschaft und Recht.

The Great Park/UK (Stephen Burch) © gezett

Tipps für Nachbarschaftskonzerte

Welche Tipps hast du, wenn jemand selbst so ein Konzert organisieren möchte?

Mach deine Wohnung auf! [Lacht] Naja, es gibt diverse Portale. Und wenn jemand hier ist und mich fragt… [zeigt auf Musiker]. Sage ich einfach: „Macht was aus!“. Ich könnte auch ein paar Adressen geben.

Als Organisator von Konzerten: Auf welche Herausforderungen bist du gestoßen?

GEMA… Ich sehe GEMA ein, aber wenn ich mal verpasse, das Konzert vorher zu melden, sondern die Anmeldung mit der Set-Liste danach schicke, muss ich doppelt zahlen. Das finde ich grauenvoll. Sie machen einem so viel Arbeit… Wenn das eine Veranstaltung wäre, wo ich verdienen würde, dann würde ich das natürlich ohne Bedenken bezahlen.

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Titelbild: Monika Werkstatt mit Islaja, Pilocka Krach, Rachel Lyn, Gudrun Gut und Beate Bartel (v.l.) im Studio Gezett © gezett