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Weitlingkiez Kollektiv: Kultur von Nachbarn für Nachbarn

Der Weitlingkiez ist eine ruhige Wohngegend mitten in Lichtenberg und befindet sich in den Ortsteilen Rummelsburg und Friedrichsfelde. Seit einiger Zeit wohnt auch Lenka dort und möchte nun zusammen mit drei anderen Mädels aus dem Weitlingkiez Kollektiv mehr lokale Kultur in den Kiez bringen. Das Wir von Hier Team traf sich mit Lenka auf eine Schorle, um mehr über die Initiative zu erfahren.

Von der ersten Idee zum echten Kiezfest

„Wir sind im Moment vier Frauen, zwischen 20 und 40. Wir wohnen alle im Weitlingkiez, nur eine von uns wohnt außerhalb des Kiezes, allerdings auch um die Ecke“, erzählt uns Lenka.

Die Gründerin vom Weitlingkiez Kollektiv, Nora, hatte seit ihrem Umzug in den Kiez schon immer den Wunsch, mehr Kultur im Kiez zu fördern, und fand mit dieser Idee eine Mitstreiterin aus der Nachbarschaft – Sarah. Die Idee hat auch Lenka begeistert, denn sie möchte ebenfalls mehr Kultur und Kunst in ihrem Kiez sehen. Sie lernte die Nachbarinnen auf einer Veranstaltung kennen und kam anschließend einfach dazu.

Die ersten Events des Weitlingkiez Kollektivs

Flohmarkt im Weitlingkiez

Am Anfang war der Flohmarkt © Weitlingkiez Kollektiv

Das Team startete mit Flohmärkten, danach folgten Lesebühnen mit den Autor*innen aus Lichtenberg. Dieses Jahr veranstaltete das Weitlingkiez Kollektiv die Lesungen bereits zum dritten Mal, zweimal davon als Open Air Lesungen.

Lenka erinnert sich: „Letztes Jahr, als wir das veranstaltet haben, hat es richtig gegossen. Zum Glück hatten wir kleine Überdachungen für die Besucher und Autoren. Aber der Regen war so laut, dass wir die Autoren teilweise nicht gehört haben und alle Besucher mussten irgendwann mal barfuß sitzen, weil überall Pfützen waren. Aber es war trotzdem lustig. Es gab 60 Leute, die geblieben sind und am Abend teilgenommen haben. Das hat auch irgendwie Spaß gemacht“.

Sommerkonzerte im Weitlingkiez

Der Erfolg der ersten Events motivierte das Kiezkollektiv, eine Förderung bei der Bezirkskultur von Lichtenberg zu beantragen, die dieses Jahr half, drei Sommerkonzerte zu veranstalten.

„Wir wollten einfach, dass die Leute im Kiez, die Nachbarn, die Möglichkeit haben, sich einen schönen Sommerabend zu machen, sich zu treffen, zu quatschen, Bier zu trinken, Musik zu hören. Und alles mit freiem Eintritt. Das hat zum Schluss gut funktioniert“, erzählt uns Lenka.

Mit Sommerkonzerten bringt das Weitlingkiez Kollektiv Kultur direkt in den Kiez © Weitlingkiez Kollektiv

Trotz des freien Eintritts ist es am schwierigsten für das Team, das Publikum für die Veranstaltungen zu gewinnen. Diesen Sommer versuchte das Kiezkollektiv die Anwohner*innen mit Plakaten, Bannern und Ankündigungen über soziale Netzwerke zu erreichen. Einmal haben die Aktivistinnen sogar bei Nachbarn geklingelt und gefragt, ob sie ein Banner auf dem Balkon aufhängen dürfen.

„Aber das Problem ist heute“, sagt Lenka, „überall sind so viele Plakate, dass die Leute nicht mehr wirklich wahrnehmen, was auf den Plakaten steht“. Nichtsdestotrotz bleibt sie optimistisch und sieht das Hauptziel im Aufbau eines Stammpublikums.

Kiezkultur im Sommer genießen

Die Veranstaltungen des Kiezkollektivs finden überwiegend im Sommer und draußen statt. Die Kultur unmittelbar auf die Straßen des Kiezes zu bringen, das ist das Hauptanliegen von Nora, Sarah, Lenka und Julia.

Der Höhepunkt des vergangenen Sommers war ein kleines Kiezfest, mit einer Bühne am Münsterlandplatz, Bands, Comedians, einem Improtheater und einem Flohmarkt. Das alles fand im Rahmen einer KulturTour durch den Kiez statt. Das Kiezkollektiv lud unterschiedliche Initiativen zum Fest ein, insgesamt haben sechs Partner mitgemacht.

Das Programm wurde so gestaltet, dass die Leute von einem Ort zum anderen gehen konnten und überall unterschiedliche Events stattfanden. Auf dem Fest war für jede*n was dabei: Öffentliche Chorprobe, Kindertheater, Nachbarschafts-Speed-Friending und Musik. Besonders vom Speed-Friending waren die Nachbar*innen sehr begeistert. 🙂

Der Münsterlandplatz im Herbst © Wir von Hier

Die Motivation zur Gründung des Weitlingkiez Kollektivs

Alle Events haben die Mädels aus dem Kiezkollektiv ehrenamtlich in ihrer Freizeit organisiert. Da fragt man sich ungewollt: Wo kommt so viel Motivation her? „Wir sind überwiegend aus kleineren Städten und sind nach Berlin umgezogen. Wir haben anscheinend vermisst, dass sich die Leute in kleineren Städten doch eher kennen“, erzählt Lenka.

Im Weitlingkiez hat es Lenka und ihren Nachbarinnen gefehlt, dass die Leute einander kennen, obgleich der Kiez eigentlich schon einen Kleinstadtcharakter hat. „Deshalb wollten wir die nachbarschaftlichen Beziehungen stärken und aus unserer Sicht macht man das am besten durch Kultur, Kunst… und Grillen!“, sagt die Aktivistin des Kiezkollektivs lachend.

„In den 1990er Jahren war Lichtenberg sehr stark von der rechtsradikalen Szene belastet“, erinnert sich Lenka. „Und gerade der Weitlingkiez war ziemlich geprägt. Aber diese Leute sind mittlerweile weg, auch der letzte Yakuza-Laden ist mittlerweile umgezogen“.

Der Kiez ändert sein Gesicht: „Es ziehen viele junge Familien hin, doch für sie hat der Kiez nicht so viel anzubieten. Wir haben eine Hauptstraße, die leider irgendwie durch Spielhallen und komische Spätis dominiert wird, Läden aus den 1990ern…“, erzählt Lenka. „Deshalb ist es auch umso wichtiger, dass man ein bisschen Kultur in den Kiez bringt“.

Die weiteren Pläne des Weitlingkiez Kollektivs

Fürs nächste Jahr ist bereits das volle Programm geplant. Selbstverständlich sind weitere Sommerkonzerte dabei, aber auch über andere Projekte hat sich das Kiezkollektiv Gedanken gemacht. Eine Idee wäre zum Beispiel ein Fotofestival mit Fotos der lokalen Fotograf*innen, die man auf die Wände projizieren würde, oder auch Kindernachmittage, da zu den Events viele Eltern mit Kindern kommen. „Auf jeden Fall wäre es super, wenn die Partner und andere Initiativen noch mehr mitmachen“, wünscht sich Lenka.

Das Weitlingkiez Kollektiv bleibt seinem Kiez treu © Weitlingkiez Kollektiv

Ist das Eventprogramm des Weitlingkiez Kollektivs etwas exklusiv für den Weitlingkiez? „Wir bleiben erstmal unserem Kiez treu“, so Lenka auf die Frage. Vor allem die Förderung der Kultur auf den Straßen des eigenen Kiezes ist wichtig für die Initiative. Von der Zusammenarbeit mit den ähnlichen Projekten aus Nachbarbezirken ist das Kiezkollektiv allerdings nicht ganz abgeneigt. So schaut man sich bei anderen Straßenfesten in der Stadt um und sucht nach Inspiration. Besonders in Berlin gibt es ja zahlreiche Projekte, bei denen man Know-How in diesem Bereich erwerben kann.

Kiezcourage to go – eine wachsende Initiative

Zwar steht das Weitlingkiez Kollektiv noch am Anfang seines Werdeganges, die ersten Erfolge sind jedoch bereits zu verzeichnen. „Jetzt gab es schon auch ein paar andere Journalisten, die auf uns aufmerksam geworden sind. Das hilft uns natürlich sehr. Wir müssen die Leute sensibilisieren, dass im Kiez was läuft“, erzählt Lenka begeistert .

Das Projekt braucht allerdings noch etwas Zeit, so die Aktivistin des Kiezkollektivs: „Ich glaube, dass wir in ein paar Jahren erreichen können, dass die Leute im Kiez einander tatsächlich besser kennen werden“.

Die größten Hürden für solche Initiativen wie das Weitlingkiez Kollektiv bleiben vor allem der Zeitaufwand und die Kosten, die mit der Anmeldung einer Straßenveranstaltung verbunden sind. „Das tötet jegliche Kultur, wenn du spontan keine kleineren Veranstaltungen unangemeldet machen darfst“, sagt Lenka.

Für die Zukunft wünscht man sich in erster Rolle ein aktives Netzwerk aus anderen Nachbarschaftsinitiativen. Zwar ist das Team inzwischen gut zusammengewachsen, neue Ideen von außen sind aber nach wie vor herzlich willkommen.

Für alle, die Lust haben, etwas Ähnliches in ihrer Nachbarschaft auf die Beine zu stellen, empfiehlt Lenka, sich nach Förderungen für kleinere Nachbarschaftsprojekte umzuschauen. So ist es zum Beispiel im Bezirk Lichtenberg möglich, die Förderung beim Kiezfonds zu bekommen, die schon mal ein guter Start ist. „Ich habe immer die Erfahrung gemacht, die Leute sind offen, auch wenn nicht alle super aktiv sind“, fasst Lenka kurz zusammen. Kommt man mit einer guten Idee, die auch andere Nachbar*innen begeistern kann, bekommt man auf jeden Fall Unterstützung.


Weitere Informationen über das Weitlingkiez Kollektiv findest du der Facebook Seite des Kollektivs.

Kennst du eine ähnliche Initiative aus deiner Nachbarschaft? Hast du dich vom Weitlingkiez Kollektiv inspirieren lassen und willst nun selbst Kulturveranstaltungen in deiner Umgebung organisieren? Schreib uns eine Mail an content@wirvonhier.de und/oder einen Kommentar unter diesem Beitrag! Wir unterstützen dich gern dabei und freuen uns auf deine Ideen.

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