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Nachbarin des Monats im Interview mit Wir von Hier

Ende September fand im Pegasuseck in Berlin-Altglienicke das erste Hoffest statt, das dank des Enthusiasmus und des Engagements der Wir von Hier Nutzerin Margot organisiert wurde. Unser Team ist in den Kiez gefahren, um die tolle Veranstaltung im Süden Berlins vor Ort zu erleben.

Mit viel Herzblut hat Margot ein wunderbares Hoffest in ihrer Nachbarschaft initiiert. Ihr Engagement hat uns so sehr beeindruckt, dass wir sie zur ersten „Wir von Hier Nachbarin des Monats“ gekürt haben! 🙂

Was eine gute Nachbarschaft ausmacht und wo man Inspiration und Kraft für die Organisation eines Hoffestes findet, erzählte uns Margot im Interview.

Hoffest in Altglienicke

Liebe Margot, stell dich und dein Engagement im Kiez unseren Leser*innen doch mal kurz vor.

Ich heiße Margot Hiersemann, bin 71 Jahre alt, glücklich verheiratet, Mutter von 7 inzwischen großen Kindern und Oma von 7 Enkeln. Von Beruf war ich Industriekauffrau, war im Magistrat und später im Senat als Verwaltungsangestellte tätig, jetzt bin ich Rentnerin.

Ich engagiere mich sehr gern, weil ich etwas bewirken möchte. So möchte ich gern erreichen, dass die Einwohner meines Kiezes sich alle wohlfühlen, gern hier leben und mit der Zeit auch auf ihre Umwelt achten oder mal nach Feierabend auf eine Runde Canasta treffen.

Ich könnte mir gut vorstellen, dass durch eine gute Nachbarschaft sich auch mal ein Babysitter findet, man älteren Bürgern beim Einkaufen hilfreich zur Seite steht oder bei einem gemütlichen Kaffeeplausch einfach nur mal so quatscht. Dass man ein Paket vom Nachbarn entgegennimmt, ist eigentlich schon selbstverständlich.

Euer erstes Hoffest war wirklich schön. Liest man jedoch im Internet über das Kosmosviertel, so finden sich eher unschöne Geschichten. Den negativen Eindruck können wir nicht bestätigen. In eurer Ecke in Berlin-Altglienicke und in eurem Garten im Innenhof ist es fast schon idyllisch. Alle Personen, die wir an diesem Nachmittag kennenlernen durften, waren sehr sympathisch. Woher kommt dieses Image vom Kosmosviertel und wie steuert ihr dagegen an?

Das Hoffest, das wir am 22. September feierten, war das erste Hoffest und ich muss sagen, alle Teilnehmenden fühlten sich wohl und bei den Gesprächen kam heraus, dass man sich schon lange so ein Hoffest wünschte, aber keiner den Mut hatte, anzufangen und auch nicht wusste, wie.

Das erste Hoffest in Altglienicke war ein Erfolg! © Wir von Hier

Leider wurde meinem Kosmoskiez durch eine TV-Reportage ein mieses Image verpasst. Ja, wir haben eine ganze Menge Hartz IV-Empfänger*innen im Kiez zu wohnen, aber das hat doch nichts mit unserem Kiez zu tun. Solche Probleme gibt es doch zuhauf auch in anderen Bezirken! Wenn man will, kann man durch solche Darstellungen wie in dieser Reportage jeden x-beliebigen Kiez mies machen. Klar, die 11-Geschosser mit ihren tristen Fassaden sehen noch nicht überall schön aus, aber wie man sieht, ändert sich das schon!

Für die Kinder zum Beispiel gibt es reichliche Möglichkeiten, ihre Freizeit sinnvoll zu verbringen. In unserer neu erschaffenen „WaMa“, dem neuen Kieztreff (der Name leitet sich von der davor darin wohnenden Waschmaschinenbörse ab), geht es hauptsächlich oftmals zu wie im Taubenschlag. Die Kinder arbeiten dort z.B. fleißig an der Außengestaltung des „roten Platzes“, der wegen seines roten Steinbelages so genannt wird, mit.

Nachbarschaftsfest. Wie geht das?

Du hattest in diesem Jahr bereits Erfahrungen mit einem Nachbarschaftsfest gesammelt. Erzähle uns bitte etwas davon.

Am 25. Mai dieses Jahres fand das Europäische Nachbarschaftsfest statt, was hieß, dass in Europa an diesem Tag ein Fest zusammen mit allen Nachbarn gefeiert wurde. Dabei musste ich immer an die eine Werbung im Fernsehen denken, wo die Leute Tische und Stühle auf die Straße brachten, die Tische mit weißen Tischdecken bedeckten und dann Kuchen, Speisen und Getränke auftrugen und anschließend gemeinsam tanzten. Das fand ich so toll, dass ich dachte, wie wunderbar so etwas wäre. Aber an diesem 25. Mai standen auch bei uns gedeckte Tische, einladend eingedeckt mit Kaffee, Kuchen, kleingeschnittenem Obst, hübsch dekoriert. Aber keiner setzte sich zu uns, nicht mal, als wir sie direkt zu Tisch baten. „Nein danke, keine Zeit“ oder nur ein Kopfschütteln war die Antwort. Allein die Kinder kamen. Natürlich gab es für sie auch mit Helium gefüllte Luftballons und die Möglichkeit, die weißen Papierdamasttischdecken zu bemalen, und natürlich fragten sie, wann es denn den Kuchen gibt!

Wie kam es zur Idee eines eigenen Hoffestes?

Schon als man in unserem Kosmosviertel das Nachbarschaftsfest plante, meinte ich, es wäre besser, das Nachbarschaftsfest nicht vor den 11-Geschossern, die so viel Anonymität ausstrahlten, sondern an einem besser geeignetem Platz, eben vor der WaMa, durchzuführen.

Und da stand bei mir der Beschluss fest, wir machen ein Hoffest in „meinem“ Hof und beweisen, dass man auch unbedingt den Veranstaltungsort im Auge haben muss.

Das Grillen und Kennenlernspiel waren auf dem Hoffest sehr beliebt. © Wir von Hier

Aber wie macht man sowas, was muss getan werden, was muss besorgt werden, wen kann/muss man ansprechen? Ich hatte doch davon keine Ahnung. Und da fiel mir zufällig das Inserat eures Nachbarschaftsportals ins Auge. „Hier erfährst du, was in deiner unmittelbaren Nachbarschaft passiert“ oder so ähnlich hieß es. Gut, das ist genau das, wonach ich suchte! Die können dir bestimmt raten und helfen. Also schrieb ich an euch und es wurde eine wunderbare Zusammenarbeit!

Indem ihr ganz großzügig uns den fehlenden Grill samt Grillkohle und Besteck spendiert habt, habt ihr unser Fest gerettet. Dafür bin ich euch sehr dankbar, denn was ist ein Hoffest ohne Grill?! Als ich die Nachricht erhielt, dass ihr mir den Grill spendiert, habe ich vor dem Laptop gesessen und fast vor Freude geheult! (Mein Mann hat sogar noch nach dem Fest auf eine Rechnung von euch gewartet!)

Von der Idee zum tollen Fest

Wie hast du dich auf das zweite Hoffest vorbereitet und wie hast du es organisiert?

Da wir ja im Mai das Nachbarschaftsfest hatten, was so ziemlich bei uns im Kiez misslang, wurde mir vom Quartiermanagement (QM), in dem ich mich in der Aktionsjury betätige, signalisiert, dass ich keine finanziellen Mittel für das Hoffest erhalten könne.

Bei der Wohnungsgenossenschaft Altglienicke stellte ich mein Konzept für das Hoffest vor und bat um Prüfung der Möglichkeit, ob mir zur Ausgestaltung des Festes finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden könnten. Mir wurden 100 € genehmigt und die Genossenschaft erklärte sich darüber hinaus bereit, die Flyer als Einladung zu drucken!

Sie stellten uns sogar ein Partyzelt auf (das hatten wir nämlich auch auf unsere Wunschliste an die WGA gestellt)! Das war doch schon was! Aber mein Kostenüberschlag für all die Dinge, die ich gern hätte, schufen mir schlaflose Nächte.

Und vor allem der Grill. In der WaMa stand zwar ein Grill, doch der hatte im Boden ein Loch, war darüber hinaus auch noch ziemlich groß und wie sollte ich den hierher in meinen Hof bekommen? Ich in meinem Rollstuhl kann das Ding doch nicht auch noch bewältigen.

Als ich im Strick-Café war, wo ich mittwochs immer mit anderen zusammen stricke, kamen auch Mitarbeiter vom Kiezband/“Hallo Kosmos“ und von QM. Wir flachsten so rum, was nun mit meinem Hoffest wird. Und da riss es mich und ich dachte: stellst dich einfach dumm und einen Antrag bei QM, mehr als „nein“ sagen können sie doch nicht. Und es war wie im Traum! Man sagte nicht „nein“ sondern „ja“ und gab mir 200 € Zuschuss! Mein Gottvertrauen hat gesiegt! Jetzt ging es ans Bestellen: Papierdamasttischdecken zum Bemalen, Wachsmalstifte, Lampionlichterketten für draußen, Pappteller und -Becher, Kinderschminke, Helium für Luftballons, Modellier-Luftballons und noch viel mehr.

Sogar Leute aus England haben dich auf dem Hoffest besucht. Wie kam es dazu?

Letztendlich waren insgesamt 32 Personen inklusive meiner Freunde aus England, die ich vor Jahren beim Englischlernen und später in meiner Gemeinde kennengelernt habe, beim Fest. Wir haben schon durch meine Gemeinde einen engen Kontakt und so erfuhren sie auch von meinem Hoffest, welches sie nun auch bei ihrer Stipvisite in Berlin-Altglienicke unbedingt besuchen wollten! Sie waren ganz hin und hergerissen, wie das so klappte (für sie ein Novum).

Die Nachbarn haben Kuchen gebacken, ihr habt gegrillt und euch viel unterhalten. Hat das bessere Kennenlernen unter euch funktioniert und welches Fazit ziehst du aus eurem Fest?

Ich denke, die gute Stimmung und Laune kam auch durch das kleine „Kennenlernspiel“, wo man durch kleine Fragen versucht, etwas über den oder diejenige zu erfahren. Ganz harmlose Fragen wie: „Mein Lieblingsfest …“, „Mein Lieblingsverwandter in meiner Kindheit war …“, „Ein Traumziel aus Ihrer Kindheit: Haben Sie sich diesen Traum erfüllt?“

Wir haben alle ziemlich viel gelacht und natürlich auch gequatscht. Noch ehe das Fest zu Ende war, stand fest, „das machen wir wieder, das war so schön!“

Der leckere Nachtisch hat auf dem Hoffest auch nicht gefehlt! © Wir von Hier

Ich weiß nun, was man vor der Planung eines großen Festes machen muss. Man sucht Kontakte in der Nachbarschaft und infiziert sie mit der Vorstellung eines schönen gemeinsamen Beisammenseins. Vielleicht mit Musik, aber auf alle Fälle auch mit Kaffee und Kuchen. Dabei ist es ganz wichtig zu betonen, dass im Vordergrund eine gute Nachbarschaft und ein Miteinander stehen sollen.

Wie schön wäre die Welt, würden sich alle nur freundlich gegenüber stehen. Vielleicht ist der Nachbar, den man für verschroben hält, ganz in Ordnung, nur hat er vielleicht private Sorgen. So wie wir am 22. uns über unsere Ärgernisse im Wohngebiet austauschten und überlegten, wie man dem abhelfen könnte, wer dafür zuständig ist, kann man bestehende Zwistigkeiten zwischen den Nachbarn in einer lockeren Atmosphäre schnell beseitigen.

Welche Projekte in der Nachbarschaft stehen bei euch als nächstes an?

Als nächstes großes Projekt steht bei uns der Weihnachtsmarkt auf dem Plan. Der findet wieder wie auch im letzten Jahre vor der WaMa und auf dem „roten Platz“ vor der „Lounge Bahamas“ statt. Aber dabei bin ich zum Glück nicht der Initiator mit dem Hut, sondern nur ein kleines Rädchen mit Aufgaben. Auf dem „Weihnachtsmarkt zum Mitsingen“ treten der Chor der Pegasusgrundschule, hoffentlich auch einige Artisten aus dem Kinderzirkus Cabuwazi Altglienicke auf.

Es gibt verschiedene Stände mit Naschereien, Bratwürste vom Grill u.v.m. Und wir werden Besuch – nicht vom Weihnachtsmann, sondern vom Großväterchen Frost (rus.: Djed moros) und Schneeflöckchen (rus.: Snegurotschka) haben. Leider dürfen sie nicht mit einem Ponygespann vorfahren, da hat das Grünflächenamt was dagegen. Ich finde es sowieso schlimm, da geben die Leute ehrenamtlich sich die größte Mühe, um etwas für die Bevölkerung zu tun und müssen dafür auch noch allerhand Gebühren bezahlen.

Mir kam die Idee, da wir ja nichts verkaufen dürfen (z.B. Gestricktes oder Bratwürste o.a.), sollten wir doch stattdessen um Spenden bitten. Daraus bezahlen wir die Gebühren bzw. legen eine Kiezsparbüchse an, aus der wir dann ab und zu z.B. Material für die Bastelnachmittage der Kinder kaufen können. Übrigens gibt es auch einen Plätzchenback-Wettbewerb um den Titel „intergalaktische Kosmoskekse“. Und es gibt keinen 1., 2. und 3. Platz sondern nur drei erste Plätze!

Vielen Dank für das Interview, Margot! 😊


Hast du auch vor, ein Hoffest in deiner Nachbarschaft zu organisieren? Melde dich einfach bei unserem Support-Team per E-Mail, wir freuen uns, dich bei der Umsetzung deiner Idee zu unterstützen!

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